Kritik zu Unter dem Regenbogen

© Film Kino Text

2013
Original-Titel: 
Au bout du conte
Filmstart in Deutschland: 
17.10.2013
L: 
112 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Agnès Jaoui lässt sich Zeit mit ihren Filmen: Seit Lust auf Anderes hat sie jeweils drei, vier Jahre zwischen ihren Regiearbeiten verstreichen lassen. Auch diesmal hat sich das Warten gelohnt

Bewertung: 4
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

Da später noch oft genug von Märchen die Rede sein wird, sollten wir erst einmal von den Aquarellen sprechen. Es gibt viele in diesem Film zu sehen. Sie zeigen Straßen- und Naturansichten und sind in heiteren Farben ausgeführt. Kurz verweilt die Kamera auf ihnen, bevor sie überblendet werden in Einstellungen der realen Orte. Die Fantasie gewinnt in der Wirklichkeit Kontur. Aber die Vorahnung ist nicht deckungsgleich mit der Realität.Sie wirkt fröhlicher, auch naiver; die Filmhandlung jedoch spielt im Spätherbst.

Die Überblendungen sind ein hübsches, triftiges Leitmotiv für einen Film, der der Realität regelmäßig Spiegel- und Trugbilder entgegensetzt: In dem Hinübergleiten von einem Abbild zum nächsten findet gleichsam ein Reifungsprozess statt. Au bout du conte heißt Agnès Jaouis vierte Regiearbeit im Original, was sich übersetzen lässt mit »Am Ende des Märchens« und im Französischen genauso klingt wie »Au bout du compte« – im Endeffekt. Gemeinsam mit ihrem Drehbuchpartner Jean-Pierre Bacri hat sie diesmal die Frage inden Blick genommen, was uns Märchen über das Leben erzählen, was sie verschweigen oder verschleiern. Wer nun vermutet, das einst von Alain Resnais »Jabac« getaufte Gespann würde wiederum verfahren wie in Das Leben ist ein Chanson, wo sie die Glücksversprechen von Chansons als Illusionen entlarven, wird diese Erwartung nur zur Hälfte erfüllt finden.

Auch Unter dem Regenbogen ist ein choraler Film, der eine Vielzahl von Geschichten sich kreuzen, aneinander Halt finden und ein übergeordnetes Thema erhellen lässt. Auch diesmal muss sich ein vielstimmiges emotionales Durcheinander in eine Ordnung fügen, die man als soziologischen Befund deuten kann. Und wiederum haben die Figuren allerlei Gründe, sich aus ihrer Alltagswirklichkeit fort zuwünschen. Jaoui selbst verkörpert eine prekär beschäftigte Schauspielerin; Bacri spielt einen mürrischen Fahrlehrer, der als Ehemann und Vater gescheitert ist und dem eine Hellseherin sein Todesdatum vorausgesagt hat: Es steht kurz bevor. Ein Scheidungskind trachtet zur Bestürzung seiner Eltern danach, eine mustergültige Katholikin zu werden, und eine Ehefrau setzt allen Ehrgeiz daran, dem unausweichlichen Alterungsprozess mit Hilfe der plastischen Chirurgie die Stirn zu bieten.

Der Film steckt voller Märchenrequisiten– ein Spiegel, eine Schatulle und eine Uhr spielen eine Rolle; die Charaktere lassen sich auf Archetypen zurückführen, die aus den»contes« von Charles Perrault und den Märchen der Brüder Grimm vertraut sind. Vollends aufgehen in diesem Rollenbild mögen sie nicht. Bei Laura (Agathe Bonitzer) ist nicht klar, ob sie Rotkäppchen oder eine Prinzessin ist; in jedem Fall lernt sie, dass es sich nicht lohnt, nur auf den einen Prinzen zu warten. Aschenputtel ist hier männlich (Arthur Dupont), verliert aber trotzdem einen Schuh auf dem Ball. Der böse Wolf taucht auf in Gestalt eines gut vernetzten Musikkritikers und Schürzenjägers (Benjamin Biolay). Die gute Fee (Jaoui) ist schon damit überfordert, ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen, und die Stiefmutter (Beatrice Rosen) ist eher bedauernswert als böse. Auch der traditionelle Ausgang des Märchens hat es bei Jaouie und Bacri in sich, denn der Schlusstitel verkündet:»Sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage und betrogen sich oft.«

Man darf die Autoren beim Wort nehmen. Aber mit Unter dem Regenbogen hat sich noch eine andere Sensibilität in ihr Erzählsystem eingeschlichen. Die Beweglichkeit der Kamera löst Erstarrungen auf. Seit jeher war die Moral ihrer Erzählungen ebenso streng wie großzügig. Diesmal gehen sie jedoch einen Hauch sanfter mit ihrem Ensemble um. An Sarkasmus fehlt es auch diesmal nicht: Auf die Mahnung »Du hast noch alles vor dir«folgt der Umschnitt auf eine Beerdigung. Aber Jaouie und Bacri entwickeln ein Gespür dafür, wie viel Gefühlsrohheit darin liegen kann, einem kleinen Kind zu sagen, dass es nach dem Tod nicht in den Himmel kommt. Sie finden sich in der Rolle von Eltern wieder, die entdecken, dass sie eine Verantwortung tragen für Träume und Sehnsüchte. Die Entzauberung ist nicht verächtlich, Trost und Schonung haben ihre Berechtigung. Dies ist ihr bislang fragilster Film.

 

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