Kritik zu Tour de France

© Arsenal Filmverleih

2016
Original-Titel: 
Tour de France
Filmstart in Deutschland: 
02.03.2017
K: 
L: 
95 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Mit Gérard Depardieu als verbittertem Rentner und dem Rapper Sadek reimte sich Filmemacher Rachid Djaïdani ein krauses kleines Roadmovie zusammen, in dem gesungen, gemalt und gedichtet wird

Bewertung: 3
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Dieses Roadmovie, in dem ein arabischstämmiger Rapper Baudelaires Gedicht »Der Albatros« rezitiert und zusammen mit einem verbitterten Rentner auf den Spuren des Malers Joseph Vernet durch Frankreich fährt, ist so unzumutbar hanebüchen konstruiert und so randvoll mit Botschaften, dass man eigentlich gleich abwinken will. Und doch ist der Film in seinen poetischen Verknüpfungen oft auch ziemlich hinreißend.

Was, Sie kennen Vernet nicht? Der Maler, der im Auftrag von von Louis XV die Handelshäfen abbildete, liefert im Film den Vorwand, um französische Hafenstädte abzuklappern. Hobbymaler Serge (Gérard Depardieu) will auf dem Trip, den er im Gedenken an seine verstorbene Frau unternimmt, Vernets Hafenpanoramen nachmalen. Das Schleppen der Staffelei überlässt er Far'Hook (Sadek), einem jungen Rapstar aus der Banlieue. Far'Hook musste wegen eines Hahnenkampfes mit einem anderen Rapper schnell untertauchen. Bilal, sein Musikproduzent, schickte ihn deshalb zum alten Serge, der Far'Hook als seinen Fahrer anstellt. Der knurrige Alte entpuppt sich als der Vater des zum Islam konvertierten Bilal. Auf dem Weg nach Marseille raufen sich der Rapper und der ressentimentgeladene Altfranzose zusammen.

Gérard Depardieu in Shorts stellt nonchalant seine Leibesfülle zur Schau und verkörpert geradezu eine Karikatur jener Menschen, die man der FN-Anhängerschaft verdächtigt. In jedem zweiten Satz spielt er auf Far'Hooks Herkunft an, was der Rapper, der alles Gesehene und Gehörte in Reimen verarbeitet, eher amüsiert an sich abprallen lässt. Rapper Sadek als Far'Hook bildet mit seinem runden Kindergesicht einen aparten Kontrast zu dem verwitterten Star. In improvisiert wirkenden Dialogen werden Frankreichs Alpträume – die Angst um die Identität, vor Islam, Terror und Kriminalität – angetippt. Doch mit Serge, der sich als alter Revoluzzer mit dem Herz am rechten linken Fleck entpuppt, dem sanften Dichter aus der Banlieue und einer jungen Frau, die als Meeresschützerin unterwegs ist, finden schließlich die Mächte des Guten zusammen. Das Charisma von Far'Hook und seinem Ersatzvater hebt den Film aber über die sozialromantischen Politbotschaften hinaus. In der impressionistischen Inszenierung wechseln Far'Hooks wacklige Handyfilme mit Serges Blickwinkel, seiner angestrengten Suche nach den Koordinaten seines Helden Vernet. So erinnert die Reisechronik an ein verspielt hingetupftes Aquarell.

Französische Kunst und Kultur dienen Regisseur Rachid Djaïdani ganz unironisch als Heilmittel für Frankreichs Multikulti-Problematik: und der arabischstämmige Regisseur, der sich selbst vom Wachmann am Set des Banlieue-Dramas »La Haine« zum Boxer, Schauspieler, Schriftsteller und Filmemacher mauserte, ist der beste Beweis, dass dieses moderne Märchen doch nicht so weit hergeholt ist. »Nur böse Menschen haben keine Lieder« könnte das Motto des Films lauten, in dem immer irgendwo jemand singt. Selbst wenn es manchmal an das Pfeifen im Walde erinnert.

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