Kritik zu Tiger Girl

© Constantin Film

»Martial Arthouse« nennt Jakob Lass das Genre, das er hier erfunden hat: eine Mischung aus Action- und Mumblecore-Kino. Die lief auf der Berlinale im Panorama, hätte dem Wettbewerb aber auch gutgetan

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Auf viele wirkten die Mumblecore-Filme der letzten Jahre wie eine Art Ausweg aus der Sterilität und Formelhaftigkeit des deutschen Kinos. Improvisiert entstanden, meist mit einer eingeschworenen Filmfamilie und unterhalb einer Messlatte, die mit »Low Budget« eher euphemistisch beschrieben ist, zeigten die Filme von Axel Ranisch, Isabell Suba und Nico Sommer, um nur ein paar wenige zu nennen, eine ganz neue Unmittelbarkeit und eine Lust am Ausprobieren an der Wirklichkeit. Nur, fragte man sich die ganze Zeit: Wie lange werden sie es schaffen, Filme für ein paar Hundert Euro zu machen – und wird sich diese Bewegung nicht irgendwann totlaufen?

Jakob Lass hat seinen Vorgängerfilm »Love Steaks« mit einem ganz kleinen Budget gedreht, aber mit seinem neuen »Tiger Girl« zeigt er, dass es auch anders geht, dass Improvisieren präzise inszenierte Szenen verträgt. Und ein moderates Budget. Eine Million Euro standen zur Verfügung –
ein normaler »Tatort« muss auch mit nur 1,5 Millionen auskommen –, die vor allem für die doppelte Anzahl von Drehtagen einer normalen Produktion genutzt wurden. Und auch genremäßig wagt sich dieser Mumblecore-Film auf ganz neues Terrain. Denn aus »Tiger Girl« ist, zumindest streckenweise, ein waschechter Actionfilm geworden. »Martial Arthouse« hat Lass das genannt.

Wobei der Film nie seine Figuren und ihre Entwicklung aus den Augen verliert. War »Love Steaks« so etwas wie eine schräge Liebesgeschichte unter dem Dach eines Ostseehotels, so lotet Lass nun eine Freundschaft zwischen zwei jungen Frauen aus, deren Charaktere zumindest zu Beginn klar voneinander abgegrenzt sind: Spießig und schüchtern ist die eine, wild und gewalttätig die andere. Maggie hat gerade die Prüfung auf der Polizeifachschule versemmelt, weil sie beim Bockspringen über das Turngerät hinweggeflogen ist. Schon allein, wie sie, gewissermaßen in Etappen, die punkig wirkende Tiger kennenlernt, ist ein kleines Kabinettstückchen. Völlig aufgelöst wegen der vergeigten Prüfung steuert Maggie einen Parkplatz an, doch kurz vorher nimmt ihn ihr eine ältere Dame mit einem großen Auto weg, der Platz daneben scheint nicht breit genug. Da kommt Tiger von hinten und tritt kurzerhand den Außenspiegel des großen Wagens weg. »Jetzt passt's«, sagt sie. Maggie wird Tiger im Supermarkt wiedertreffen, beim Klauen beobachten – und die Diebesbeute in ihrer eigenen Tasche wiederfinden. Und als Maggie in einer U-Bahnstation von drei Typen angemacht wird, kommt Tiger mit dem Baseballschläger. Viel muss Tiger einstecken, doch gerade, als die beiden Frauen den Kampf zu verlieren drohen, wirft Maggie einem der Typen, mehr oder weniger aus Versehen, den Baseballschläger an den Kopf. »Jetzt heißt Maggie ›Vanilla the Killer‹«, sagt Tiger.

Tiger lebt in einem alten Wohnmobil, klebt die Ticketautomaten eines Parkplatzes zu und zockt in einer Sicherheitsweste mit »Ordner« drauf die Autofahrer ab. Vanilla dagegen wird Auszubildende in der Security-Schule von Herrn Feldschau. Der existiert wirklich, und die anderen Azubis sind auch echt, was dem Ganzen einen authentischen Anstrich gibt. Aber nie veralbert der Film das Gewerbe – obwohl er sich den einen oder anderen Witz durchaus leistet. Etwa über das Funken. Bravo an Alpha. Kommen.

Irgendwann besorgt Vanilla für Tiger auch eine Security-Uniform, und die beiden ziehen los, um Leute abzuzocken. Vorgeblich, weil Tiger ihren verschuldeten Freunden helfen will. Sie stehlen ausländischen Touristen auf dem Tempelhofer Feld die Rucksäcke, nötigen in einem Kaufhaus einen jungen Kunden, sich bis auf die Haut auszuziehen. Nur einmal geraten sie an die Falsche: Als sie in eine Ausstellung avantgardistischer Kunst crashen, entpuppt sich die PR-Agentin in Sachen Nahkampf als genuine Expertin.

Man spürt in diesem Teil des Films, der da ein bisschen zerfasert, die Lust an der Selbstermächtigung der beiden Frauen. Und dass irgendwie aus dem Spiel Ernst wird. Aber eine Psychologie liefert »Tiger Girl« nie, auch keine Vorgeschichte, die erklären würde, wie sie zu dem wurden, was sie sind. Alles bleibt im Hier und Jetzt. Das funktioniert auch durch die beiden hervorragenden Schauspielerinnen: Maria Dragus als Vanilla, deren Abgründe immer offensichtlicher werden, und Ella Rumpf als Tiger, die, als sie merkt, dass ihre Freunde sie getäuscht haben, auch verletzlich wirken kann. Denn als Vanilla einmal, einfach so, mitten auf der Straße einer Passantin die Nase zerschlägt, erkennt Tiger, dass sie oder ihre Freundschaft in Vanilla etwas losgetreten haben. »Du gehst zu weit«, schreit sie. Die Kräfteverhältnisse haben sich verschoben. »Die ich rief, die Geister/Werd ich nun nicht los«, heißt es bei Goethe. Aus dem Spaß ist Ernst geworden, aus dem Ausprobieren eine Lebenshaltung – und Vanilla ist nicht mehr zu kontrollieren. Da hat »Tiger Girl« durchaus parabelhafte Züge.

»Tiger Girl« hat in diesem Jahr die Sektion Panorama der Filmfestpiele von Berlin eröffnet. Improfilme waren ja sonst eher die Domäne der kleineren, dem Filmnachwuchs verpflichteten Festivals von München, Hof oder Saarbrücken. Im Wettbewerb der Berlinale scheint es da offenbar immer noch Berührungsängste zu geben. Da lief in diesem Jahr mit »Helle Nächte« des Berliner-Schule-Regisseurs Thomas Arslan eine blutleere Vater-Sohn-Geschichte, die die Emotionalität der Figuren vor allem durch endlose Aufnahmen von Bergen und Wolken auszuloten suchte. Dem Wettbewerb hätten die prügelnden Frauen von »Tiger Girl« sicherlich gutgetan.

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