Kritik zu Taste the Waste

© W-Film

2011
Original-Titel: 
Taste the Waste
Filmstart in Deutschland: 
08.09.2011
Musik: 
V: 
L: 
88 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Jedes fünfte Brot wird weggeschmissen, jede zweite Kartoffel schon bei der Ernte aussortiert: Valentin Thurn prangert in seinem Dokumentarfilm den Umgang der Industriegesellschaften mit Nahrungsmitteln als Waren an

Bewertung: 3
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Containern heißt das auf Gutneudeutsch. Doch die beiden Wiener Gerhard und Robert nennen sich poetischer Mülltaucher (da sind die Ösis uns in Stilfragen mal wieder voraus), wenn sie sich Kopf voraus in die großen Tonnen herablassen, um mit kundigem Blick die Dinge herauszufischen, die noch gut und brauchbar sind. Es ist viel darunter, oft ganze unangebrochene Pakete von Müsli oder Obst. Ein französischer Supermarktleiter führt anschaulich die täglich entsorgte Menge Joghurts vor, die schon Tage vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum unverkäuflich sind. Auf dem Pariser Großmarkt stapeln sich im Abfall Bohnen, die vorher Zehntausende Kilometer aus Kenia herangeflogen wurden.

Die drei Sequenzen stehen hier für ein ganzes Dutzend Gesprächspartner, die Regisseur Valentin Thurn in Taste the Waste aufsucht, um der Verschwendung von Nahrungsmitteln nachzuforschen. Die ist enorm und umfasst die Hälfte der globalen Lebensmittelproduktion überhaupt – in Deutschland 10 Millionen Tonnen pro Jahr –, geschuldet einem Wirtschaftssystem, das auch Nahrung in Warenform zirkulieren lässt und so Verwertungszyklen, Profitmargen und Spekulation anheimgibt. Welthunger ist eine Frage der Verteilung, keine der biologischen Ressourcen. Weniger bekannt ist, dass auch 15 Prozent des irdischen Methan- und CO₂-Ausstoßes aus ausgemüllten Lebensmitteln stammt.

Mit einer zwangsenteigneten Kleinbauernfamilie und Bananenpflanzern in Kamerun versucht der Film – etwas oberflächlich – die weltökonomische Dimension der Nahrungsproduktion anzureißen. Anschaulicher sind die gezeigten Alternativmodelle in der industrialisierten Welt: von einer Pariser Tafel und Bauernmärkten über das derzeit angesagte Rooftop-Farming bis zu einer japanischen Tierfutterfirma, die auf lokaler Basis Essensreste zu Tierfutter verarbeitet – nicht unbedingt naturidyllisch, doch tierethisch korrekt sortiert und ressourcenschonend. In der EU ist das verboten, da bleibt zur Besänftigung des Abfallgewissens gerade mal das Verfeuern nicht verkaufter Brotreste, wie es ein Bäcker betreibt. Und Bauer Baringdorf freut sich, wenn die auf seinem Feld als nicht normgerecht zurückgebliebenen Kartoffeln eingesammelt werden.

Taste the Waste gehört in die Reihe jener eher journalismusaffinen Aufklärungsstücke wie We Feed the World oder Plastic Planet, die sich untereinander – außer im Thema – am stärksten durch das Maß an selbstdarstellerischer Autorenpräsenz (hier eher gering) unterscheiden. Dabei liefert der Film reichlich interessantes Material, steigt aber nie so tief und existenziell in sein Thema ein wie Agnès Vardas wunderbarer Sammelfilm Die Sammler und Die Sammlerin von 2000. Taste the Waste ist nutzbringendes Gebrauchskino für eine bessere Welt. Bei allem Wohlwollen für diesen Nutzwert und hoffentlich daraus resultierende Verhaltensveränderungen: Die Vorstellung, dass der Einzelne durch die Vermeidung von Abfall auch Einfluss auf den globalen Weizenpreis nehmen könnte, scheint doch etwas an der Realität von Weltmarkt und Rohstoffbörsen vorbeigehofft.

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