Kritik zu Searching for Sugarman

© Rapid Eye Movies

2012
Original-Titel: 
Searching for Sugarman
Filmstart in Deutschland: 
27.12.2012
Musik: 
L: 
86 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Unglaublicher als ein Mockumentary: die verrückte Geschichte des amerikanischen Musikers Sixto Rodriguez, der in Südafrika ein Kultstar wurde, ohne es zu wissen – bis ihn Jahrzehnte später doch noch Fans ausfindig machen

Bewertung: 5
Leserbewertung
4
4 (Stimmen: 2)

Kann diese Geschichte wahr sein? Und wenn ja, warum hat es fast 20 Jahre gedauert, bis sie endlich einer erzählt? Man zweifelt stark, wenn man Searching for Sugar Man sieht, und denkt an die vielen Mockumentaries und daran, wie leicht sich so etwas inszenieren lässt. Doch bei allen Fragen nach Wahrheit oder Wahrscheinlichkeit ist man erst mal ungeheuer bewegt von dieser merkwürdigen Lebensgeschichte. Da nimmt ein amerikanischer Singer-Songwriter Anfang der 70er Jahre zwei Platten auf, die gute Kritiken bekommen, aber das Publikum kaltlassen. Das Label kündigt den Vertrag, der Sänger mit dem für die Zeit unpopulären Latinonamen Rodriguez verschwindet in der Versenkung und schlägt sich in der Millionenstadt Detroit als Bauarbeiter durch. Was er nicht weiß: Zur gleichen Zeit gibt es eine Subkultur in Kapstadt und Johannesburg, die sich gegen das südafrikanische Apartheidregime aufzulehnen beginnt. Dieser Szene sprechen die Songs aus der Seele. Die Platten werden kopiert, verliehen, verschenkt und schließlich von drei verschiedenen Labels neu auf den Markt gebracht. Die geschätzte Verkaufssumme geht in Millionenhöhe. Rodriguez wird in Südafrika größer als Elvis. Doch weil der südafrikanische Staat sich nach außen abschottet, merkt niemand etwas davon. Und Rodriguez bleibt ein unbekannter Held. Gerüchte entstehen, er habe sich nach einem erfolglosen Konzert auf offener Bühne verbrannt, erschossen oder sonstwie das Leben genommen. Schließlich erscheinen ja keine weiteren Platten.

Erst als in den 90er Jahren eine CD herauskommt, in deren Booklet steht, dass man so gut wie nichts wisse über die Person Rodriguez, machen sich zwei Fans auf die Suche – und finden Sixto Rodriguez verarmt, aber völlig lebendig in Detroit. Sie laden ihn nach Kapstadt ein, wo er vor 20 000 Menschen sechs ausverkaufte Konzerte gibt. Seitdem ist der inzwischen 70-jährige Rodriguez auch in den USA wieder da. »Danke, dass ihr mich am Leben erhalten habt«, sagt er von der Bühne herunter.

Aber die Geschichte ist hier noch nicht zu Ende. Vier Jahre lang hat der schwedische Filmemacher Malik Bendjelloul an seinem Projekt gearbeitet. Im ersten Jahr erhielt er noch Fördermittel, dann war er auf sich selbst gestellt. So stand der Film immer wieder auf der Kippe. Es war die Kraft der Geschichte, die ihn daran hinderte, aufzugeben. Er übernahm den Schnitt, die musikalische Gestaltung und ergänzte fehlende Szenen durch eigene Animationen. Aus dem Mangel wurde eine Tugend. Sixto Rodriguez wird nicht gänzlich entmystifiziert. Er bleibt eine enigmatische Figur in einem sensiblen, sehr genau komponierten Film. Nie verliert er die Balance zwischen hoch emotionalen Szenen und nüchterner Recherche, zwischen kleinen animierten Einschüben, künstlerischer Distanz und klarer Dokumentation mit historischem Material. Er beginnt völlig rätselhaft in Südafrika und kommt dann ganz behutsam in den USA und der Gegenwart an. Doch das Wichtigste ist: Er stellt einen Musiker vor, der mit seinen wunderbaren, klaren poetischen Texten völlig zu unrecht vergessen wurde. Ein Juwel der Musikdokumentation.

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