Kritik zu Schlafkrankheit

© Farbfilm

2011
Original-Titel: 
Schlafkrankheit
Filmstart in Deutschland: 
23.06.2011
L: 
91 Min
FSK: 
6

Geht mal nach draußen, Regisseure! Und bringt solche Bilder mit: somnambul, atmosphärisch, genau im Detail. Für seine etwas andere Afrikaerzählung bekam Ulrich Köhler auf der Berlinale den Regiepreis

Bewertung: 4
Leserbewertung
3
3 (Stimmen: 1)

In einer der ersten Szenen nimmt der Film den Zuschauer zu einem Familienausflug ins Grüne mit. Der Vater ist vollkommen gelöst; er ist schwimmen gegangen, und die Tochter soll auch mit. Aber sie ist nicht mehr in dem Alter, in dem man sich einfach so ins Wasser wirft. Und sie hat Angst, sie fängt sich was ein, Würmer oder so. Wir befinden uns nämlich nicht an einem Baggersee im Hessischen. Sondern an einem breit dahinströmenden Fluss in Kamerun.

Regisseur Ulrich Köhler, der in zwei Spielfilmen die seelischen Mittelgebirge des deutschen Bürgertums erkundet hat (»Bungalow«, »Morgen kommen die Fenster«), ist mit »Schlafkrankheit« ins Offene aufgebrochen. Was für ihn vielleicht nicht so schwer war: Der gebürtige Marburger hat seine Kindheit in Zaire verbracht und muss das Gefühl kennen, sich zwischen den Kulturen zu bewegen. Sein Protagonist, der Arzt Ebbo (Pierre Bokma), lebt seit zwanzig Jahren in Afrika. Er leitet ein Entwicklungshilfeprojekt zur Bekämpfung der Schlafkrankheit und hat sich in der Nähe von Yaundé gut eingerichtet in einem Haus mit Veranda und BoHo-Möbeln. Aber seine Frau Vera (Jenny Schily) ist auf dem Sprung – sie möchte zur Tochter, die in Deutschland ein Internat besucht. Ebbo soll nachkommen, sobald er den Haushalt aufgelöst hat.

Die Geschichte des Arztes in »Schlafkrankheit« könnte noch aus der Zeit des Kolonialismus stammen; sie nimmt Elemente aus der klassischen angelsächsischen Erzählliteratur auf. Es grüßt der im Dschungel versackte Mr. Kurtz aus Joseph Conrads »Herz der Finsternis« herüber; ebenso könnte man an die Weißen denken, die sich bei Somerset Maugham oder Jack London mit ginhaltigen Longdrinks abfüllen und an Infekten laborieren, die weniger den Körper als den Geist befallen und zu Apathie, Lähmung, Stillstand führen. An dieser medizinisch nicht dingfest zu machenden, metaphorischen Form der Schlafkrankheit leiden nur die Kolonisatoren. Auch Ebbo hat sie, jedenfalls wird er den Weg »nach Hause« nicht mehr finden.

Aber »Schlafkrankheit« ist natürlich ein postkolonialer Film, der Arzt ein moderner Expat, der versucht, sich zu assimilieren, und die Klischees, mit denen das Drehbuch spielt, erscheinen gefiltert und gebrochen. Um die Mitte ungefähr leistet sich das verhaltene Drama einen riskanten Zeitsprung und Perspektivwechsel. Die zweite Hälfte des Films gehört einem jungen Franzosen mit kongolesischen Wurzeln. Alex Nzila (Jean-Christophe Folly), ebenfalls Arzt, wird nach Kamerun geschickt, um Ebbos Projekt zu evaluieren. Und der Schwarze ist es, der stellvertretend für den europäischen Zuschauer den Schock der Fremdheit durchlebt: Kaum aus dem Flughafen getreten, wirkt er merkwürdig verloren in einer Umgebung, in der er auf den ersten Blick nicht auffallen müsste; später streckt ihn eine Touristenübelkeit aufs Lager. Ebbos medizinisches Programm, findet Alex heraus, ist längst überflüssig geworden; der Arzt, der mit einer »Mission« gekommen war, hat sich dem korrupten weißen Establishment angedient und plant mit einem windigen Freund (Hippolyte Girardot) ein Ferienresort.

Der Witz, der in der Dopplung und Spiegelung der Perspektiven steckt, würde sich vielleicht verflüchtigen, wäre da nicht die enorme Spannkraft der Bilder, die einerseits immer noch einen sense of wonder, eine Lust am Exotischen erzeugen, andererseits aber von einer frappierenden Selbstverständlichkeit sind: Hier hat ein Team on location sehr genau gearbeitet. Manchmal kann man in »Schlafkrankheit« wie im alten Hollywoodkino, wie in Raoul Walshs Kriegsfilmen etwa, im Dschungelhintergrund die Blätter zählen und ist erschlagen vom Anblick der schieren Bio­masse, die sich da auf der Leinwand ausbreitet. Manchmal flackert aber bloß eine Taschenlampe im Dunkeln, während die Tonspur flüsternd, knisternd, keckernd und rauschend die Geister des Waldes beschwört. In diesem Zusammenhang, befreit aus dem Verhau der Hotelflure und Straßenrandbebauung, macht die Langsamkeit der Berliner Schule plötzlich neuen Sinn.

Das Motivgeflecht des Films, die Erzählung vom Scheitern der Neuerfindung in der Fremde und vom Zerfall der Einen Welt in viele kleine Differenz-Biotope, verdichtet sich schließlich in einer Einstellung, in der Ebbo, sein Kompagnon und Alex das Gelände besuchen, wo der Hotelbau offenbar ins Stocken geraten ist: ein paar Männer und ein schwankender Steg, der den nassen Grund zerschneidet und ins Ungefähr führt. Wurzeln schlagen hier nur die Bäume.

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