Kritik zu Original Copy – Bollywood ist unser Leben

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2015
Original-Titel: 
Original Copy
Filmstart in Deutschland: 
09.03.2017
Musik: 
V: 
L: 
95 Min
FSK: 
6

Im Kino »Alfred Talkies« in Mumbai werden Filme noch auf 35 mm vorgeführt, ­während Besitzerin, Manager und Plakatmaler den ökonomischen Zwängen trotzen

Bewertung: 4
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Von den ersten Bildern an, wenn ein Fahrradkurier einen Stapel von Filmbüchsen durch den hektischen abendlichen Großstadtverkehr von Mumbai bugsiert, erzählt dieser Film von der Liebe zum Kino und wie sie in heutigen Zeiten immer mehr bedroht ist. Es ist eine spezielle Form von Kino, die in »Original Copy« gefeiert wird, eine, die obsolet geworden ist und gerade deshalb umso bewahrenswerter erscheint, auch wenn sie unter ökonomischen Aspekten keine großen Überlebenschancen hat.

Herz dieses Films ist das Kino »Alfred Talkies« in Mumbai, wo Filme noch im 35-mm-Format vorgeführt werden, was zu den Filmen selber passt mit ihren wagemutigen Helden, die es tollkühn mit einer Übermacht aufnehmen und am Ende den Kampfplatz verlassen, ohne dass ihre gut gebügelten Anzüge irgendwelche Schäden erlitten hätten. Kino als Flucht aus dem Alltag, auch wenn das Leinwandgeschehen manchmal zweitrangig ist gegenüber dem Vorzug eines klimatisierten Aufenthaltsorts für einige Stunden.

Drei Menschen halten das Kino am Leben – für sie ist es zugleich das Leben: die Besitzerin, der Manager und der Filmplakatmaler, dessen großformatige Gebrauchskunst über dem Eingang thront. Sheik Rehman wollte unbedingt Maler werden, seit er im Alter von zehn Jahren die Arbeit seines Vaters sah. Er weiß, dass seine Kunst keinen Ewigkeitswert hat. Trotzdem ist er stolz auf seine Arbeit. Einmal erklärt er sogar verschmitzt, dass es ihm (vermutlich nicht nur dieses eine Mal) gelungen sei, einen Film besser dastehen zu lassen, als er eigentlich war: »Die Leute sahen mein Poster und dachten, der Film ist gut – die wussten nicht, wie langweilig er ist.«

In seinem kreativen Prozess stößt Rehman allerdings immer wieder mit dem Manager zusammen. Denn der hält sich einiges auf seine Kenntnis der Filme zugute und ordnet deswegen auch schon mal an, auf den Bildern den Schurken kleiner und die Helden größer zu machen. Der Besitzerin berichtet er von den aktuellen Verlusten, woraufhin diese konstatiert: »Das ist ein sinkendes Schiff.« Da kann ihr der Manager nur zustimmen. Später wird er mit tränenerstickter Stimme erzählen, wie sich die Familie der Besitzerin um ihn kümmerte. Und die Besitzerin wird mit Stolz berichten, wie sie hier die Familientradition fortführt, trotz eines Großvaters, der ihr selbst angesichts einer schweren Krankheit nicht die Schlüssel zum Kino anvertrauen wollte, denn als Frau wäre sie absolut nicht geeignet dafür. Dieses Vorurteil hat sie widerlegt. Heute strahlt sie eine große Selbstsicherheit aus, auch als sie davon erzählt, wie das Kino ihr half, das Leben zu bewältigen, als ihre Tochter plötzlich einem Herzinfarkt erlag. Kino und Leben liegen da ganz dicht beieinander.

Am Ende zeigt der Film, der seinen nüchtern beobachtenden Ton stets beibehält, was beim Programmwechsel passiert: Ist nach einer Woche der Einsatz eines Films beendet, wird die Leinwand mit Beige neu grundiert, um Platz für das Bild des Nachfolgefilms darauf zu schaffen. Für einen Moment erkennt man hinter dem Beige noch das alte Motiv, dann hat diese Kunst ihr physisches Leben beendet und existiert nur noch in der Erinnerung.

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