Kritik zu OPER. L'opéra de Paris

Trailer OmU. © Kool Filmdistribution

2017
Original-Titel: 
OPER. L'opéra de Paris
Filmstart in Deutschland: 
28.12.2017
S: 
L: 
110 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Der Schweizer Dokumentarist Jean-Stéphane Bron (»Mais im Bundeshuus«) hat das Pariser Opernhaus im spannenden Jahr 2015 zwischen »Meistersinger«-Premiere und Bataclan-Attentat beobachtet

Bewertung: 4
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Ausgerechnet »Easy Rider« heißt der kolossale Stier, der in einer Pariser Aufführung von Schönbergs »Moses und Aron« das Goldene Kalb geben soll. Er tut dies trotz einiger Ängste der Theaterleute auch brav in einem Kasten aus Plexiglas und mit späterem Abduschen als Belohnung. So ein tierischer Anderthalbtonner schafft im Film einen Mehrwert an Unterhaltung und für die Oper PR. Die Proteste der Tierschützer kommen in »Oper. L’opéra de Paris« zwar nicht vor. Doch wie bedeutsam die richtige Außendarstellung auch für ein renommiertes Haus ist, zeigen schon die ersten Szenen, wo sich Bastille-Direktor Stéphane Lissner und sein Team öffentlichkeitsstrategisch für eine Premiere rüsten und planen, wie man den Präsidenten (damals noch Hollande) mit der Platzierung zwischen langbeinigen Schönen umgarnt.

2003 drehte Jean-Stéphane Bron mit der Parlamentsdoku »Mais im Bundeshuus« einen der erfolgreichsten Dokumentarfilme der Schweiz. Jetzt betritt der entdeckungslustige Regisseur einen anderen, ihm unbekannten institutionellen Raum: die Opéra National de Paris, deren Ballett Fred Wiseman vor ein paar Jahren mustergültig in seinem Zweieinhalbstünder »La Danse« verewigte. Bron nimmt sich in anderthalb Jahren Drehzeit und für den Stoff eher knappen 106 Minuten Film ebenfalls in Direct-Cinema-Manier das ganze Haus zwischen Sozialprojekten und großer Oper vor und hält Besprechungen und Proben, Putzen, Werkstätten und Premieren mit der Kamera fest.

Da sind Jugendliche aus den Vorstädten, die Cello und Violine lernen. Ein sehr talentierter junger Bariton aus dem Südural, der mit erstaunten Augen in die neue große Welt schaut. Ein Chorleiter, der die ausreichend harte Aussprache des Wortes »Wurst« für die »Meistersinger« einübt. Und die Assistentin, die mit einem Stapel Taschentücher im Bühnen-Off diskret für die Schweißentfernung während der Aufführung sorgt. Nicht nur hier schaut Kameramann Blaise Harrison lieber von hinten durch die Kulissen auf das Bühnengeschehen als frontal, was erhellende Perspektiven gibt. Und die Montage schafft es beeindruckend, das Making-of der Produktionen mit der ökonomischen Situierung des Hauses und der Ausübung der Kunst selbst zu verblenden und vermeidet die gefällige Kulinarik, die andere Porträts von Aufführungsorten zu moderierten Konzert-Potpourris machen.

Brons Film zeigt auch, wie Opernproduktion in der Spannung zwischen den minutiös langwierigen Vorbereitungen und dem Einbruch unvorhersehbarer Ereignisse steht. Während der Drehzeit im Jahr 2015 ereigneten sich die Attentate auf die Pariser Cafés und das Konzerthaus Bataclan, was Stéphane Lissner als Theaterchef besonders traf, wie er bei einem Presseinterview in seinem Büro mit Eiffelturmpanoramablick sagt. Doch da sind auch Streiks und der nur am Rande gezeigte Knatsch um Ballettchef Benjamin Millepied. Echten dokumentarischen Dusel hat Bron, als ein wichtiger Sänger durch plötzliche Krankheit ausfällt und sich der Ersatz nur sechs Stunden vor der Premiere in eine »Meistersinger«-Inszenierung einarbeiten muss. Doch er hat auch den Anstand, solches Glück nicht für den billigen, dramatischen Effekt auszubeuten.
 

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