Kritik zu Oktober November

© Mfa

2013
Original-Titel: 
Oktober November
Filmstart in Deutschland: 
12.06.2014
L: 
114 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Fünf Jahre nach seinem oscarnominierten Krimi Revanche legt der österreichische Regisseur Götz Spielmann ein leises Kammerspiel vor, das die Abgründe einer Familie auslotet

Bewertung: 4
Kritikerspiegel
3.5
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Sonja ist eine gefragte Schauspielerin, beim Fernsehen wohlgemerkt. Wir sehen sie bei den Dreharbeiten zu einem Krimi, in dem es, natürlich, um Mord geht, mit einer Konstellation à la Wenn der Postmann zweimal klingelt. Sonja wirkt wie ein kalter Todesengel, und irgendwie setzt sich die Künstlichkeit ihrer Berufswelt auch in ihrem Privatleben fort, in der Kühle ihrer Berliner Wohnung, in der Weiß vorherrscht. Als sie sich mit einem Kollegen trifft, wird sie auf der Toilette von der Ehefrau eines ehemaligen Liebhabers, den Sonja längst schon verlassen hat, gestellt. Sie bleibt zurück, angelehnt an den grauen Marmor, und die Spiegel verlängern sie ins Unendliche, eine Gefangene in ihrer Kunstwelt. Nora von Waldstätten gibt diese Sonja als eine unnahbare Schönheit, bei der man aber von Anfang an vermutet, dass hinter ihrer Fassade einiges nicht stimmt.

Viel etabliert der österreichische Regisseur Götz Spielmann über die Räume. Sonjas Schwester Verena scheint ihr entgegengesetzt. Sie lebt auf einem einsam gelegenen Alpengasthof, zusammen mit Mann, Kind und ihrem Vater. Auch bei ihr gibt es Leerstellen, die Stühle sind hochgestellt in der Wirtschaft, kaum jemand besucht diesen Hof, vielleicht weil die Saison, wie der Titel des Films andeutet, schon vorbei ist, vielleicht auch weil der Gasthof nicht mehr richtig betrieben wird. Denn der Vater ist krank, am Herzen, und erst vor kurzer Zeit ist seine Frau bei einem Unfall gestorben. Verena (Ursula Krauss) wirkt viel handfester und geerdeter als Sonja, doch auch hinter ihrer familiären Fassade brodelt es, etwas Unerfülltes umgibt sie. In ihrer ersten Szene sieht man sie durch den herbstlichen Wald wandern, sie steckt sich Ohrringe an und läuft auf ein einsames Haus zu, dessen Besitzer sie zuerst siezt – dann wechselt sie zum Du. Es ist der Arzt dieser einsamen Bergwelt (Sebastian Koch), mit dem sie ein Verhältnis hat.

Als der Vater (Peter Simonischek) einen Herzinfarkt hat, kehrt auch Sonja heim an den Ort ihrer Kindheit und Jugend. Er war schon so gut wie drüben, erzählt der Vater  dem Arzt, und hat sich selbst wie von oben gesehen. Eine Nahtoderfahrung, die auch sein Verhältnis zum Tod verändert. Das Verhältnis zwischen den beiden Schwestern ist alles andere als abgeklärt, alte Vorwürfe stehen wieder im Raum, beide sind in ihrer jeweiligen Welt einsam, jeder fehlt etwas. Du warst immer mehr sein Kind, sagt die Schauspielerin einmal zu ihrer Schwester, um sie, Sonja, hätte der Vater sich nur bemüht. Eifersüchte zwischen den beiden Schwestern brechen wieder auf; Sonja sagt, auch Verena hätte nicht das werden müssen, was sie geworden ist.

Jede Familie hat ihre Abgründe und Geheimnisse, jeder trägt sie mit sich. Aber Götz Spielmann macht aus den schwelenden familiären Konflikten kein lautes Melodram, sondern ein leises Kammerspiel, das die Sympathien der Zuschauer immer gut verteilt. Nur an ganz wenigen Stellen leistet sich Spielmann einen allzu expliziten Dialog. Einmal fährt Sonja ihren todkranken Vater auf einen einsamen Parkplatz vor der Kulisse der grandiosen Bergwelt. Sie schauen wortlos auf die Landschaft, ein Bild, das mehr von Heimat und der Endlichkeit des Lebens erzählt als jeder Dialog.

Es gibt nicht viele Filme, die dem Sterben eines Menschen so viel Platz einräumen wie Oktober November. Die beiden Schwestern wachen abwechselnd am Bett des Vaters, der sich in mitunter heftigen Zuckungen hin  und her wirft. Wie Schattenrisse bewegen sie sich in diesem dunklen Sterbezimmer. Aber auch da vermeidet Spielmann jede aufgesetzte Tragik. Und selten hat ein Film so sehr darauf bestanden, dass der Tod zum Leben gehört.

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