Kritik zu Neo Rauch – Gefährten und Begleiter

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2016
Original-Titel: 
Neo Rauch – Gefährten und Begleiter
Filmstart in Deutschland: 
02.03.2017
Musik: 
V: 
L: 
101 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Die Dokumentarfilmerin Nicola Graef porträtiert einen der international beachtetesten deutschen Künstler bei seiner Arbeit und durch Interviews
mit seinem Umfeld

Bewertung: 4
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Totale. Ein großer Raum. Darin ein Männchen im Ringen mit einer Leinwand, die mindestens doppelt so hoch ist wie er selbst. Nur mit viel Mühen und ebenso vielen Absetzern gelingt es, sie hereinzutragen und aufzustellen, begleitet von lautem Geschepper im Ton. Dann Schnitt. Näher. Und man sieht, wie der gleiche Mann nach und nach die Leiter vor der Leinwand in die passende Position rückt, bevor er sich aus einem Töpfchen am Boden Farbe nimmt, hinaufsteigt und oben mit dem Pinsel ansetzt.

Dokumentar-Slapstick aus dem Atelier. Aber auch deutlicher Hinweis auf die handwerklichen Seiten eines Gewerbes, in dem es Neo Rauch mit seinen surrealistischen Tableaus weit nach oben geschafft hat. Dabei sieht man diesen so leicht erscheinenden ersten Einstellungen des Films aus dem Allerheiligsten der Malerei die Schwierigkeiten ihrer Entstehung nicht mehr an. Denn als die WDR-Journalistin und Filmemacherin Nicola Graef mit ihrer Idee zu einem Porträt des Künstlers in Rauchs Umfeld anklopfte, wurde ihr deutlich abgewinkt. Rauch hätte – nach einer ersten Fernsehdoku 2007 – keine Lust auf Kameras.

Dann kam es, wohl durch kluges Anpirschverhalten, doch anders. Und Graef konnte ganze drei Jahre mit Rauch drehen, bis zu einer im Zentrum des Films stehenden sehr persönlichen, im Juni 2016 eröffneten Ausstellung, für die Rauch in seiner Heimatstadt Aschersleben eigene Arbeiten mit dem zeichnerischen Werk seines Vaters Hanno gemeinsam ausstellte. Einem leider nur schmalen Werk, denn beide Eltern waren nur vier Wochen nach Rauchs Geburt bei einem Eisenbahnunglück verstorben.

Ein Trauma, das sich in Rauchs somnambulen Bildfiguren ebenso niederschlägt wie der Systemwechsel, den der junge Künstler nach einem Studium an der Leipziger Hochschule für Buchdruck und Gestaltung erlebte. Auskunft zu diesen Zeiten geben im Film Rauchs Galeristen Judy Lybke und Klaus Fischer, der damals ein enger Freund des Malers und seiner ebenfalls malenden Ehefrau Rosa Loy war. Loy hat im Film eine starke Nebenrolle. Dennoch ist der Untertitel »Gefährten und Begleiter« irreführend, denn Graefs Film ist kein Generationenporträt und betrachtet Rauchs Werk auffällig isoliert, ohne horizontale oder vertikale (kunsthistorische) Verortung.

Deutungsversuche kommen dafür hauptsächlich von Sammlern. Und die in Künstlerfilmen eher raren Besuche in ihren privaten Gefilden in Italien, Korea oder London sind  Leckerbissen des Films. Hier gibt es konkrete Einblicke nicht nur in die kunstvolle Inszenierung sozialer Distinktion, sondern auch in die offensichtlich immer noch von den Klischees »düstere Romantik« und »Diktatur« geprägte internationale Rezeption deutscher Kunst. Daneben auch Gespräche mit Rauch, der sich in seinen Bildern selbst als Geschichtenerzähler sieht – und beim Sprechen einen gespreizt literarisierenden Duktus pflegt. Dass Filmemacherin Graef von Rauchs Arbeit begeistert ist, lässt sich nicht übersehen. Eine der vielen Stärken ihres Film ist, dass man diese Begeisterung nicht teilen muss, um aus ihm Genuss und Gewinn zu ziehen.

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