Kritik zu Modest Reception - Die Macht des Geldes

© Kairos

In seinem vierten Langfilm erzählt der iranische Regisseur Mani Haghighi eine raffiniert inszenierte abgründige Parabel um Reichtum, vermeintliche Wohltätigkeit und die Macht des Geldes

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Sie – Inkamützchen statt Kopftuch, taillierter Mantel, langer Blumenrock und Stiefel – könnte glatt durch eine Vintage-Modestrecke stapfen. Er – deutlich älter und ganz in Schwarz – gibt trotz eines Gipsarms perfekt den persischen Clooney. Mit einem schwarzen SUV machen die beiden wohlsituierten Teheraner das iranische Bergland unsicher: Sie verteilen große Plastiktüten mit Geldscheinen aus dem Kofferraum an die Armen, die ihnen in dem abgelegenen Landstrich begegnen. Das scheint nur auf den ersten Blick einfach: Denn die Beschenkten weisen die milden Gaben meist erstmal zurück.

Zudem wird das nach eigener Auskunft wohltätige Ansinnen der beiden durch unflätiges Verhalten konterkariert, immer wahnwitzigere und auch widersprüchliche Bedingungen werden gestellt. Zwei Kinder geben ihr gesammeltes Feuerholz für ein paar Tüten Geld, die sie kaum wegschleppen können. Ein LKW-Fahrer muss auf den Koran schwören, nie mehr zu arbeiten und keinem von dem Reichtum abzugeben. Und ein Lehrer, der versucht, seiner verstorbenen Tochter in der gefrorenen Erde ein Grab zu hacken, wird bedrängt, die Leiche den Wölfen zu überlassen. Dafür bekomme er auch genug Geld, um die drei überlebenden Kinder großzuziehen.

Auf der Strecke bleibt die Moral. Dabei bleiben die Motive des Duos ebenso unklar wie ihre von hysterischen Streits geprägte Beziehung zueinander: Mal geben sie sich als Geschwister, mal als Paar aus, mal sind sie angeblich auf der Flucht an die nahe Grenze, dann ist die Rede von einer aus der Gegend stammenden Mutter, die im Sterben liege und ihre Ersparnisse in die kriegsgeplagte Heimat geben wolle. Dieser Krieg und die Bombardierungen, von denen öfter die Rede ist, sind selbst nicht zu sehen, doch manchmal hört man im Off Hubschrauber vorbeiknattern.

Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Mani Haghighi hatte 2006 am Drehbuch für Asghar Farhadis Fireworks Wednesday mitgeschrieben und – wie auch Taraneh Alidoosti – in dessen About Elly als Darsteller mitgewirkt. Im absurden Ton knüpft Ionesco-Verehrer Haghighi an seinen Film Men at Work von 2006 an, wo vier Männer vergeblich einen Felsen in einen Abgrund stürzen wollen. Eine andere filmhistorische Referenz scheint Abbas Kiarostamis Der Wind wird uns tragen zu sein, der fast so rätselreich und kunstvoll vage wie Modest Rececption von einer Reise aufs Land erzählt. Doch während Kiarostamis Held in seinen Begegnungen mit den Einheimischen an Herzensbildung reifen darf, gibt es bei Haghighi nichts Wahres als die kahlen Berge, Not und das Geld mit seiner zerstörerischen Macht.

Der Schluss gewährt noch eine überraschende Wende. Doch hochspannend ist das von Haghighi und Alidoosti grandios gespielte Roadmovie ab der ersten Minute des furioskomischen Einstiegs. Faszinieren kann die kunstvoll vielschichtig gearbeitete Satire auch anderswo auf der Welt, wo vielleicht nicht jede Bezüglichkeit verstanden werden dürfte. So wie der Titel »Modest Reception« heißt eine real existierende Kekssorte, die Leyla und Kaveh auf ihrer letzten Station angeboten bekommen.

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