Kritik zu Micmacs – Uns gehört Paris!

© Kinowelt

2009
Original-Titel: 
Micmacs à tire-larigot
Filmstart in Deutschland: 
22.07.2010
Musik: 
V: 
L: 
105 Min
FSK: 
12

Jean-Pierre Jeunet bringt einmal mehr seine seit »Delicatesse« bekannte Mixtur aus Nostalgie, Spezialeffekten, skurrilen Figuren und ausgefeilten Ursache-Wirkung-Verkettungen zur Anwendung

Bewertung: 4
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Das Kino als Jahrmarkt, die Welt als gigantischer Spielplatz für einen großen Jungen: Man muss gar nicht so weit greifen, um Bazil, den verzauberten Helden von Micmacs – Uns gehört Paris als Alter Ego seines Regisseurs Jean-Pierre Jeunet zu sehen. So wie der eine die vertrauten Mitglieder seines Teams vor und hinter der Kamera um sich versammelt, um sich Paris nach seinem Bilde neu zu erschaffen, so tut es im Grunde auch der Videoladenangestellte in der bunt zusammengewürfelten Gemeinschaft der skurrilen Au­ßenseiterbande der Micmacs.

Hinter den Fassaden des offiziellen Paris bauen sie sich im Innern eines Schrottberges eine alternative Wirklichkeit zusammen, eine poetische Höhlenwelt, eine wuchernde Grotte, in der aus Abfallprodukten allerlei mechanisches Spielzeug entsteht. Ein wenig erinnert diese alternative Zirkustruppe an die Familie, die der lebensfrohe Aussteiger Vanderbuilt in Frank Capras You Can't Take It With You um sich versammelte, und Jeunet selbst sieht sie als Kreuzung von Toy Story und Mission Impossible. Und so wie in den mechanischen Konstruktionen eins das andere ergibt, entsteht aus der Addition von Szenen die Geschichte des Films: Da fällt dem jungen Bazil zuerst das Logo auf der Landmine auf, die seinem Vater das Leben kostete. Viele Jahre später nimmt er (jetzt mit wunderbar präzisem Komödientiming und Pantomimentalent Sch'tis-Star Dany Boon verkörpert) ein anderes Logo auf der Revolverkugel wahr, die seit einer Schießerei vor seinem Videoladen in seinem Kopf steckt. Und als er eines Tages von der Straße hochblickt, sieht er links das eine Logo, rechts das andere auf den gegenüberliegenden Eingangsportalen konkurrierender Waffenfabrikanten: Eins und eins gibt zwei, und Bazil tüftelt mit der Unterstützung seiner Freunde einen Racheplan aus, der messerscharfe Konsequenz mit verspielter Poesie verbindet. Statt Ocean's Eleven machen sich hier also sozusagen »Bazil's Eight« daran, einen aberwitzigen heist auszuhecken, in einer sehr verspielten und versponnenen Jahrmarktversion eines caper movies. So wie unter professionellen Gangstern üblich, bringt auch in dieser bunten Zirkustruppe jedes Mitglied extreme Fähigkeiten zur Verwirklichung des Plans mit: Calculette (Marie-Julie Baup) kann die Welt mit einem einzigen Blick exakt vermessen, Remington (Omar Sy) ist ein wandelndes Lexikon skurriler Redensarten, der aus bizarren Ersatzteilen zusammengebastelte Bricabrac (Dominique Pinon) wird mit seinen Katapult-Konstruktionen zu einem modernen Münchhausen, Petit Pierre (Michel Crémadès) bastelt aus allerlei nutzlosem Zeug kleine mechanische Roboter, während Tambouille (Yolande Moreau) zu Hause fürs leibliche Wohl sorgt.

So treten sie an. Zielstrebig spielen sie die beiden Konkurrenten (einen davon gibt ungewohnt kantig André Dussollier) gegeneinander aus und erweisen mit ihrer privaten Rache nebenbei auch der Welt einen Gefallen. Und Jeunet mit seinem Faible für handgemachte Tricks findet einen subversiven Weg für den Anschluss ans Zeitalter der modernen Kommunikation via Youtube.

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