Kritik zu Marie Antoinette

© Sony Pictures

2006
Original-Titel: 
Marie Antoinette
Filmstart in Deutschland: 
02.11.2006
Musik: 
L: 
123 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Nach dem Erfolg von Lost in Translation hat die amerikanische Regisseurin Sofia Coppola ihre Fangemeinde überrascht. Marie Antoinette hat 40 Millionen Dollar gekostet, wurde in Versailles gedreht und in Cannes ausgepfiffen. Lohnt sich der Film trotzdem?

Leserbewertung
2
2 (Stimmen: 1)

Wenn Sie vorab einen visuellen Eindruck von Sofia Coppolas Marie Antoinette bekommen wollen, dann besuchen Sie die Website www.laduree.fr. Da stellt eine berühmte Pariser Confiserie ihre Makronen vor, mit Vanille oder javanischem Pfeffer, in Pistazien- und Mintgrün, Zitronengelb und Himbeerrosa. Die Makronen von Ladurée, sagt der Kameramann Lance Acord, hätten die Farbpalette des Films inspiriert. Und tatsächlich hat Marie Antoinette nichts von dem typischen künstlichen Gilb des Historienkinos. Sie werden hier keine fauligen Zähne sehen und keine felliniesken Nebenfiguren, es wird nicht gefurzt und nicht gerülpst, die Perücken sitzen wie eine Eins, und das Parkett im Schloss von Versailles ist so blank, dass man davon essen könnte.

Essen, o ja: die Makronen, die Kuchen und Torten, Baisers und Éclairs, die durch den Film gereicht werden, sobald seine Heldin, die 15-jährige österreichische Erzherzogin Marie Antoinette, den französischen Thronfolger Louis-Auguste geehelicht und die heiligen Hallen der strahlendsten und dekadentesten Monarchie auf Erden betreten hat. Mit ihrem sahnigen Teint sieht Kirsten Dunsts Marie Antoinette selbst aus "wie ein Törtchen", und aus dem Off trällert die New-Wave-Band Bow Wow Wow "I Want Candy". So, auf die handgreiflichste, die unmittelbar einleuchtendste Weise setzt Sofia Coppola das süße Leben einer Society-Schnepfe ins Bild.

Marie Antoinette, die 1774 an der Seite von Louis XVI. Königin von Frankreich und 1792 guillotiniert wurde, gehört sicherlich zu den unpopuläreren und uninteressanteren Erscheinungen der Geschichte. Der Schriftsteller Stefan Zweig und die MGM-Diva Norma Shearer könnten einem im Zusammenhang mit der Figur einfallen, die "Halsbandaffäre" und ein paar Randauftritte mit dem nicht zweifelsfrei zugeschriebenen Satz "Die Leute haben kein Brot? Sollen sie doch Kuchen essen" in Werken, in denen es eigentlich um die Französische Revolution geht. Was sollte eine junge, hippe Regisseurin an diesem Charakter interessieren?

Von einer neueren Biografie der Engländerin Antonia Fraser, die einen vagen Rehabilitierungsversuch unternimmt, leiht Coppola sich die moderne, intime und psychologisierende Perspektive. Ihre Marie Antoinette ist zunächst ein unverbildetes und ungebildetes junges Mädchen, das in eine auf undurchschaute Rituale gegründete, extrem öffentliche Gesellschaft eintritt und den Zumutungen, die ihr Status mit sich bringt - sie soll ihrem desinteressierten Gatten einen Sohn beschaffen - auf die einzige ihr mögliche Weise begegnet: Sie bekämpft ihren Frust mit Konfekt und Einkäufen, lässt sich frisieren und maniküren, veranstaltet Partys, hält Hof und schafft sich im weitläufigen Park von Versailles, zwischen gecasteten Schafen und importierten Kräutern, eine Gegenwelt, die aussieht wie einem Hochglanzmagazin der dubiosen amerikanischen Schöner-Leben-Predigerin Martha Stewart entsprungen.

Das wäre alles so trivial, wie es sich liest, verstünde sich die Regisseurin, selbst eine Lifestyle-Expertin, nicht höllisch gut darauf, die Oberflächenphänomene, die visuellen Texturen der feudalen Vergangenheit mit denen der neoliberalen Gegenwart zu verschmelzen. Von den im Dutzend ausgepackten Schuhen, die "Rokoko!" schreien, aber von Manolo Blahnik entworfen wurden, über die Sitte des "Lever du roi", bei dem die Alpha-VIPs von ihrem Pack bis ins Schlafzimmer verfolgt werden, bis zum poppigen Soundtrack, der die von Baz Luhrmann in Romeo und Julia eingeführte Linie fortsetzt, sind Alt und Neu perfekt in- und übereinander geblendet.

Dabei zieht der Film die historische Distanz nicht ein, bringt er uns Marie Antoinette keineswegs nahe - vielmehr erscheint in ihr eine Klasse verfremdet, an die uns die sogenannte Celebrity-Kultur seit Jahren so vollständig gewöhnt hat, dass uns gar nicht mehr auffällt, wie weit weg diese Leute eigentlich sind: wie reich, wie privilegiert, wie vollkommen eingesponnen in ihren Kokon aus hundertprozentiger, garantiert nicht waschbarer Seide. Die Königin und ihre Girls-Gang machen sich hervorragend als Stellvertreterinnen jener Szene junger Erbinnen, Gattinnen, Ex-Gattinnen und It-Bag-Trägerinnen, zu der - natürlich, wie auch schon geschrieben wurde - Paris Hilton und Ivanka Trump, Nicole Richie oder Jemima Khan, am Ende aber auch Kirsten Dunst und Sofia Coppola gehören. Die Beobachtungen, die Marie Antoinette in dieser Hinsicht anstellt, sind keine vereinzelten und zufälligen. Zusammen mit Stephen Frears' Film The Queen, der in Venedig gezeigt wurde und ganz erstaunliche Parallelen zeigt - eine Einstellung vor den Titeln, an deren Ende Helen Mirren als Königin Elizabeth II. plötzlich in die Kamera schaut, könnte glatt kopiert sein -, beleuchtet Coppolas Film die wachsende Tendenz einer immer reicher werdenden herrschenden Klasse, sich von der zum "Rest" gestempelten Gesellschaft abzukoppeln.

Der Ton ist hier freilich kein aufgeregter; es wird den kleinen Aristokratinnen, die auch an die Witwen und Waisen denken, wenn am Ende einer Shopping-Tour noch was übrig ist, nicht agitatorisch der Prozess gemacht. Im Gegenteil: Marie Antoinettes hermetisches Universum ist in mild ausgeleuchteten, fast stillgestellten Bildern durchaus mit einem Vergnügen am Luxus - Blahniks für alle? - in Szene gesetzt, und das blutige Finish dieser Vita, die Revolution samt Hinrichtung, bleibt praktisch ausgeblendet. Diese Zurückhaltung macht den Film dann allerdings erst recht gespenstisch und seinen Befund nur klarer: Es läuft schief - und es wird sich, anders als zu Zeiten Marie Antoinettes, fürs Erste nicht viel ändern.

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