Kritik zu Maria Magdalena

© Universal Pictures

2018
Original-Titel: 
Mary Magdalene
Filmstart in Deutschland: 
15.03.2018
L: 
120 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Würdige Bärte, wallende Gewänder – Bibelfilme stehen unter Kitschverdacht. Umso erstaunlicher, wie überlegt und gefühlvoll die prominent besetzte amerikanische Produktion »Maria Magdalena« mit ihrem Stoff umgeht. Erzählt wird die lange verdrängte Geschichte der Jüngerin, die zur ersten Zeugin von Jesu Auferstehung wurde

Bewertung: 3
Leserbewertung
5
5 (Stimmen: 1)

Eines der zentralen Probleme aller Bibelfilme lautet schlicht: Länge und Breite. Ein antiker Schriftsteller konnte – so haben es Philologen einmal ausgerechnet – in einer Stunde etwa 75 Wörter schreiben. Er musste sich also kurzfassen und auf das Wesentliche konzentrieren. Mehr noch gilt dies für die biblischen Autoren. Was sie aufschrieben, war vorher lange als mündliche Überlieferung weitergegeben worden. Deshalb sind ihre Texte so knapp, verdichtet, fast gepresst – kleine, harte Samenkörner, keine weiten, weichen Erzählflüsse. Doch ein Spielfilm muss seine Geschichte in etwa zwei Stunden erzählen. So will es das Format. So fordert es die heutige Erzählökonomie. Deshalb verlängern Bibelfilme ihre Vorlagen, malen die oft nur skizzierten Protagonisten mit breitem Pinsel aus, fügen Figuren hinzu, erfinden zusätzliche Szenen, konstruieren neue Konflikte, die für mehr Dramatik sorgen, legen vor allem den Handelnden erheblich längere Dialoge in den Mund, die ihre Gefühle und Gedanken einem modernen Publikum verständlich machen sollen.

An sich sind all diese Maßnahmen natürlich legitim. Durch ein solches Nach-, Weiter- und Auserzählen kann die biblische Ausgangsgeschichte erklärt, gedeutet und neu angeeignet werden. Doch fast immer geht dabei die entscheidende literarische Qualität biblischer Texte verloren: ihre Prägnanz. Jesus sprach mit Vollmacht – Drehbuchautoren liefern Gerede. Nicht selten löst dies bei bewussten Zuschauern ein Gefühl des irgendwie Peinlichen aus. Die Bibel ist ja eine heilige Schrift. Zu ihr gehören wesenhaft der hohe Ton, das ewige Wort, die absolute Geste. Doch bringt sie all dies auf knappstem Raum, begrenzt und komprimiert. Sieht man jedoch heute Schauspielern dabei zu, wie sie zwei Stunden lang ausschließlich hehre Worte sprechen, einander tiefe Blicke zuwerfen, bedeutungsvoll die Hände ringen und die Arme ausbreiten, kippt es ins Schwerbemühte oder sogar Lächerliche.

Die beste Möglichkeit, einem biblischen Stoff gerecht zu werden, wäre deshalb, einen Kurzfilm zu drehen. Das passt auch, weil dies die unkommerziellste aller Filmgattungen ist – weshalb diese Chance natürlich ungenutzt bleiben wird. Die zweite Möglichkeit besteht in der textgetreuen, aber visuell eigenständigen Wiedergabe eines Evangeliums. Das klassische Beispiel ist hier »Das 1. Evangelium – Matthäus« von Pier Paolo Pasolini (Il Vangelo secondo Matteo, 1964). Vorbildlich sind dafür aber auch die Comicadaptionen des Markus- und des Matthäus-Evangeliums des großen graphic novelist Chester Brown ab 1987.

Die dritte Möglichkeit wäre, die heilige Geschichte von damals aufzubrechen, ihren historischen Rahmen zu verlassen und sie mit einer profanen Erzählung von heute zu verbinden oder sie auf eine ganz andere Ebene zu überführen. Dann könnte man die heutigen Sehgewohnheiten und Erzählkonventionen in ein konstruktives Spannungsverhältnis zur archaischen Geschichtenwelt der Bibel setzen, die unterschiedlichen Längen und Tempi so miteinander konfrontieren, dass ein neuer Rhythmus entsteht. Vorgemacht hat dies Denys Arcand mit seinem »Jesus von Montreal« (1989). Man kann auch an den auf seine Weise hochambitionierten »Noah« von Darren Aronofsky (2014) oder an die liebevolle Farce »Das brandneue Testament« (2015) von Jaco van Dormael denken. Das ist die wohl aussichtsreichste Variante für wirklich gegenwartstaugliche Bibelfilme: Sie bleiben ihrer Vorlage dadurch treu, dass sie sich weit von ihr entfernen. Für sie aber braucht man wirklich originelle Ideen und mutige Entscheidungen. Wer beides nicht hat, dürfte am Ende wohl scheitern, selbst wenn er sonst vieles richtig macht.

»Maria Magdalena«, das neueste Glied in der langen Kette der Bibelfilme, macht – das sei vorweg gesagt – sehr vieles sehr richtig. Dieser Film hat eine sehr gute inhaltliche Idee: Er stellt eine der lange verdrängten Frauen aus dem Anhängerkreis Jesu in den Mittelpunkt. Das ist nicht etwa bloß ein Akt historischer Gerechtigkeit oder gar ein Bemühen um politische Korrektheit, sondern wirklich ein eigenständiger, überzeugender, ja notwendiger neuer Zugang zur Jesusgeschichte. Indem der Film Maria Magdalena als die eigentliche Lieblingsjüngerin präsentiert und sich von ihr durch Galiläa und nach Jerusalem führen lässt, eröffnet er einen neuen Blick auf die damalige Lebens- und Glaubenswelt wie auch auf Jesus von Nazareth.

Die junge, unangepasste Frau bricht aus der patriarchalischen Enge ihrer Familie und Dorfgemeinschaft aus (man denkt bei diesen Anfangsszenen unwillkürlich an muslimische Frauen im Nahen Osten heute), schließt sich dem Outsider Jesus an, erfährt bei ihm Achtung und Ermächtigung, erlebt ihn als Emanzipator auch der Frauen und findet durch ihn zu einer befreienden Spiritualität und einem Leben tätiger Barmherzigkeit. So ist sie am Ende nicht nur diejenige, die ihm bis in den Tod treu bleibt, sondern sie wird auch die erste Zeugin seines neuen Lebens und Predigerin eines Glaubens an Christus, der den Tod überwindet. Dabei schreckt sie nicht davor zurück, mit mächtigen Männern zu streiten – ihrem Vater, dem Bruder oder mit Petrus (der hier übrigens von einem afroamerikanischen Schauspieler – Chiwetel Ejiofor – dargestellt wird, ohne dass dies sonderlich irritieren würde). Die weibliche Hauptfigur stiftet so eine schöne Sensibilität für den »liberalen« Jesus, und schenkt eine Ahnung dafür, dass ein christlicher Glaube auch heute noch möglich ist.

Natürlich kann man sich über diese Erzähllinie leicht lustig machen und sie als feministischen Sozialevangelikalismus oder geschlechtergerechte Jesusfrömmigkeit abtun. Doch das wäre unfair. Denn der Film vertritt ein berechtigtes Gegenwartsanliegen, mehr noch – ein lange unterdrücktes Menschheitsanliegen, und er tut dies auf eine erhellende, bewegende und sehr nachdenkliche Weise. Dies ist vor allem dem klugen Drehbuch zweier Frauen zu verdanken: Helen Edmundson und Philippa Goslett. Für eine Dramaturgie mit hoher emotionaler Intelligenz zeichnet Regisseur Garth Davis verantwortlich. Auch wenn man die Jesusgeschichte auswendig kennt und zahlreiche Verfilmungen gesehen hat, ist man doch bei vielen Szenen gebannt und berührt. Und kein einziges Mal kommen einem dabei die ungezählten Parodien von Monty Python oder anderen in den Sinn.

Das ist keine geringe Leistung des Regisseurs, aber auch der großartigen Schauspieler, allen voran der schönen, zerbrechlichen, starken Rooney Mara als Maria Magdalena. Und bei Joaquin Phoenix als Jesus vergisst man sofort, dass es Joaquin Phoenix ist, dem man da mit den Augen auf der Leinwand nachfolgt. Schließlich ist noch der Kameramann Greig Fraser zu erwähnen, dem vor allem überwältigende Landschaftsbilder gelingen. Ein hochtalentiertes Team also hat mit einem offenkundig üppigen Budget einen ausgesprochen niveauvollen, reflektierten, anrührenden, stilsicheren Jesusfilm geschaffen. Ob er sein Publikum finden wird?

Eine Frage jedoch bleibt: Hat »Maria Magdalena« das Längen- und Breitenproblem gelöst, oder bleibt der Film nicht zu konventionell im Rahmen des historisierenden Bibelfilms mit all seinen Accessoires (den langen Bärten, wehenden Haaren, wallenden Gewändern, all den Sandalen), klebt er nicht zu brav an einer Vorlage und zieht sie in die Überlänge? Vor allem bei den vielen neu erfundenen Dialogen – viele große Worte im hohen Ton – stellt sich diese Frage. Sie müssen wohl sein, doch verlieren hier Sprache und Erzählung erheblich an Spannung. Von diesem grundsätzlichen Mangel kann die fast schon penetrant pathetische Musik von Jóhann Jóhannsson und Hildur Guðnadóttir nicht ablenken, die sich wie eine dickflüssige Soße über viele Szenen ergießt. Nicht selten wünscht man sich da die archaische Kürze und nüchterne Prägnanz der Bibel herbei. So bleibt am Ende die Frage, ob »Maria Magdalena« nur ein sehr gut einsetzbares religionspädagogisches Medium ist oder auch ein heute überzeugendes Filmkunstwerk. Allein um auf diese Frage eine eigene Antwort zu finden, lohnt sich der Gang ins Kino.

Meinung zum Thema

Kommentare

VON VORNE SAGE - DANKE HERR JOHANN CLAUSENN !ES IST SO SELTEN HEUTE, SOLCHE INTELIGENTE UND KOMPETENTE TEXTE ZU THEMA: GLAUBE ,BIBEL, KINO -VOR AUGEN ZU BEKOMEN.MAN MOCHTE LIEBER DEN BRAUN? AKTION BELUSTIGUNG SEHEN .ALES WIRD ZU EINE BREI GEMIXT ,GELOGEN ,DAS NICHT MEHR ERKENBAR IST . 2000 JAHRE CHRISTENTUM REDUZIEREN DIE "MACHER DER WARHEIT FUR MASSEN"(IN NUR DREISIG JAHREN,) ZU: KONDOME ,SEXVERBOT ,FRAUENFEINDLICH , PEDOPHILIE PRIESTER .ES IST NICHT MEHR MODERN .IST DIE LIEBE MODERN ?GRADE DIE LIEBE UND BARMHARZIGKEIT WAR FUR JESUS DAS WICHTIGSTE BOTSCHAFT.GRADE DAS BRAUCHT DIE MODERNE WELT HEUTE AM MEISTEN..! ich hoffe das UNIVERSUM gibt uns die ZEIT um es zu" cheken"

Maria Magdalena, ein Zeit Zeugin Jesu, ein Frau die wissen musste wer und wie ihr "Meister" war. Auch sie hat eine Botschaft: ER ist nicht tot! Ja Jesus ist ewig der erste Mensch der Auferstehung der Menschheit für alle die an das ewige Leben glauben>Jesus. ER ist das Ziel aller Erdlinge und auch der Weg dorthin. ER ist Anfang und Ende aller Dinge. ER lebt in jeden von uns die Ihm vertrauen, es ist einfach sagt ER. Glaube wie ein Kind, dann bist du ein Kind...ein Kind des Allerhöchsten! Es ist einfach >bekenne deine Schuld>glaube an JESUS deinen Retter>empfange ewige Kindschaft des himmlischen Regisseurs des Vaters des Lichtes. Das will jeder, ich bin dabei...yeahh,...du auch!?

das Motiv ist alt und zum Beispiel bei Luise Rinser (Mirjam) zu finden. Petrus als Afroamerikaner (wie einige andere) sind unglaubwürdig und wirken wie ein schrecklich misslungener Versuch von political correctness. Die Musik stört keineswegs, ganz im Gegenteil. Maria Magdalena ist gut und glaubwürdig besetzt, aber Jesus zu grobschlächtig. Alles in allem, wenig neues und nicht glaubwürdig.

Ein Film des Zeitgeistes und in der Tat, der polical Correctness verpflichtet. Maria Magdalena und ihr Glaube ist sehr fern von den Möchtegrernmariandl unserer Tage..Nein ,. Jesus war nich "sozial", auch kein Befreier der Frauen u.a.m.. Sein" offenbares Geheimnis" war die Menschwerdung Gottes inmitten der "Zeit-Geschichte", die beide Geschlechter von ihren selbstangelegten "Geschlechterketten" befreit. Auch nicht "liberal" oder gar demokratisch. Pasolini bleibt immer noch der Goldstandard bei allen legitimen, aber letztlich scheiternden Versuchen, "Jesus und seinen Frauen" ins bild zu setzten . Musikalisch hätten die Cellosonaten Bachs vielleicht noch etwas an dem Film retten können.

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