Kritik zu Loving Vincent

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Seit seiner Premiere auf dem Festival von Annecy hat dieser ungewöhnliche Animationsfilm zahlreiche Auszeichnungen gewonnen; gerade erst den ­Europäischen Filmpreis. Ein erstaunliches Experiment, dessen Reiz wesentlich in der filmischen Rekonstruktion von Vincent van Goghs Gemälden liegt

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Das Staunen lässt sich in Zahlen fassen, aber gebannt ist es damit natürlich nicht. 115 Künstler haben insgesamt 62.450 Ölgemälde komplett von Hand geschaffen. In 95 Filmminuten werden exakt ebenso viele Gemälde Vincent van Goghs zitiert und zu einem anderen Leben erweckt. Die Herstellung von Animationsfilmen ist stets mit einem unvorstellbaren Aufwand verbunden, aber diese polnisch-britische Co-Produktion dürfte auf diesem Feld einige Rekorde brechen.

Die Akteure des Films sind fester Bestandteil der Kunstgeschichte: der berühmte Dr. Gachet, seine Tochter Marguerite, der Farbhändler Pêre Tanguy, der Gendarm Rigamont sowie der unermüdliche Briefträger Roulin und sein Sohn Armand. Der Film führt ihre Darsteller in den Posen ein, in denen van Gogh sie gemalt hat. Die Szenerien, in denen sie auftreten, sind der Welt nachgeahmt, wie der Maler sie sah. Der Effekt des Wiedererkennens wirkt anfangs stark. Seinen Reiz verliert er nie ganz, aber bald wächst dem Film eine erzählerische Bringschuld zu. Er setzt ein Jahr nach van Goghs Tod ein. Der treue Postbote besitzt noch einen Brief, der seinen Empfänger nicht erreicht hat. Er ist an Vincents Bruder Theo adressiert, der inzwischen selbst verstorben ist. Armand Roulin soll ihn nun zustellen, aber es ist nicht klar, an wen. Auf seiner Reise sucht er lauter Zeitzeugen der letzten Wochen und Tage des Malers auf. Er hört widersprüchliche Geschichten über ihn, aber die meisten Erzählungen wecken Zweifel, ob van Gogh wirklich Selbstmord beging: Er schien glücklich, fühlte sich gesund nach dem Aufenthalt im Sanatorium, kehrte voller Zuversicht und Disziplin zu seiner Arbeit zurück. Aus dem Postboten wider Willen wird ein wissbegieriger Detektiv.

Der Ausgangspunkt für das Regiegespann Dorota Kobiela und Hugh Welchman waren nicht van Goghs Bilder, sondern seine Briefe. Das Drehbuch in­spirierte sich an investigativen Dokumentarfilmen wie »The Thin Blue Line« (Der Fall Randall Adams) von Errol Morris; unweigerlich fühlt man sich auch an die Rückblendenstruktur von »Citizen Kane« und Robert Siodmaks Version von »The Killers« erinnert. Die Erinnerungen der Zeugen sind monochrom, sie wurden im Rotoskopieverfahren aufgenommen, wobei die Darsteller andere, nun gut erkennbare Konturen bekommen.

Die Recherche wirft Fragen nach Schuld und Versäumnis auf, sie kreist um die Idee des Vermächtnisses. Das Geheimnis wird sie nicht lösen und trägt anderthalb Kinostunden leidlich. Die Faszination der Bilder legt sich darüber. Die Farben pulsieren in dieser Animationstechnik, der Strich vibriert. Mit einem anderen Maler, der die Farben nicht so dick auftrug, würde das zweifellos nicht so gut funktionieren. Ein Museum in Bewegung. Aber die Figuren hören alsbald auf, van Gogh zu gehören. Die Darsteller, darunter Jerome Flynn und Saorsie Ronan als Vater und Tochter Gachet sowie Eleanor Tomlinson als Kellnerin, scheinen lebhaft durch den Farbauftrag hervor. Sie spielen wie hinter einer Maske, die es zulässt, das Funkeln in den Augen zu sehen. Vielleicht ist dies das heimliche, das eigentliche Wunder des Films.

Meinung zum Thema

Kommentare

Mich wundert, dass bei offensichtlichem Kunst - Kitsch van Goghs Bilder "laufen zu lassen", die großen Museen keinen Einspruch erheben ob der Benutzung von Bildvorlagen und der Schädigung von Kunst und Künstler...Hofft man auf den großen Kommerz durch einen Museumssturm der Masse, die nun ihren Vincent "entdeckt"?

So wunderbar wurden seine Bilder umgesetzt bzw eingesetzt, dass mir warm um‘s Herz wurde. Das Musikstück von Don Mclean am Schluss ergab einen schönen Ausklang. Danke an die Erfinder, Darsteller usw. ich finde der Film ist wirklich gelungen!

Großartig gemachter Film, wunderbar umgesetzt, runde Sache, geradezu perfekt!

Die Geschichte ist anrührend. Die Idee der Umsetzung höchst interessant und Bruchstücke davon auch gelungen. Aber: zu stark ist die Präsenz des original gedrehten Streifens dahinter sichtbar, Figuren agieren teilweise wie ausgeschnitten vor starren, unbeachtet gelassenen Hintergründen,... Das wirkt mit Verlaub schon etwas kitschig. Van Goghs Bilder repräsentieren eine andere Lebendigkeit und Wirklichkeit. Es braucht viel Sensibilität sich da hineinzufühlen. Ob ein solches Projekt gelingen kann oder ob man`s lieber lassen sollte? Ich denke, man darf alles immer und immer wieder versuchen.

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