Kritik zu Lourdes

© NFP

2009
Original-Titel: 
Lourdes
Filmstart in Deutschland: 
01.04.2010
V: 
L: 
99 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Jessica Hausner bewegt sich auf den ausgetretenen Pfaden des Wallfahrtsorts, ohne seinen falschen Verführungen zu verfallen. Lourdes – so wie es immer war und doch ganz anders

Bewertung: 4
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Wenn der Film beginnt, ist der Speisesaal noch leer, liegt still und schweigend im Fokus des starren Kamerablicks, der auf einem erhöhten Beobachterposten Stellung bezogen hat. Alles ist bereit, die Tische sind gedeckt, das Personal des Malteserordens mit dem weißen Kreuz auf rotem Grund ist auf dem Sprung, auch das Ave Maria wartet auf seinen Einsatz. Dann lässt Jessica Hausner die Pilger hereinströmen. Zuerst kommen die Schwerbehinderten, die Rollstuhlfahrer, die sich wie auf einer Theaterbühne von einer unsichtbaren Stimme eingewiesen am richtigen Platz einfinden. Bei aller Bescheidenheit ein beinahe festlicher Auftakt für ein kollektives Ereignis, das sich am Wallfahrtsort Lourdes Tag um Tag, Jahr um Jahr wiederholt und stets den gleichen Gesetzen folgt. Gemeinsames Essen, gemeinsames Entkleiden, um im Wasser der heiligen Quelle zu baden, gemeinsame Segnung, gemeinsamer Grottenbesuch, um die heiligen Stätten zu berühren. Touristisch organisierter Wunderglaube in höchster Perfektion.

Es dauert nicht lange und die Rollstuhlfahrerin Christine (Sylvie Testud) steht im Mittelpunkt, eine Multiple-Sklerose-Kranke, deren Ganzkörperlähmung sogar die leicht gekrümmten Hände nicht verschont hat und nur einen eingeschränkten Blickradius erlaubt. Sie wird von der lebenslustigen jungen Schwester Maria (Léa Seydoux) betreut, geschoben, gefüttert, abends von zwei Schwestern – »eins, zwei, drei!« – ins Bett gehieft. Trotzdem erscheint Christine nicht als wehrloses Opfer, sondern hat genaue Vorstellungen über ihr Aussehen, die Frisur, die ihr gekämmt wird, die Ohrringe, die sie tragen will, sie liebäugelt sogar mit dem feschen Malteser. Sie ist keine übereifrige Pilgerin; als Gegenbild führt die Regisseurin immer wieder Christines Zimmergenossin, die ältere Frau Hartl (Gilette Barbier), vor Augen, die nicht nur ihre eigene kleine Marienstatue auf dem Nachttisch anbetet, sondern, ohne selbst die Heilung irgendeines Gebrechens zu verfolgen, sich durch besondere Hingabe und Fürsorge auszeichnet. Ihr Hauptmotiv, wie das vieler anderer Pilger: für eine Zeitlang die Einsamkeit des Alters zu verlassen und in eine Gemeinschaft einzutauchen. Für Christine gipfelt das Glück der Heilung in dem Wunsch: so zu sein wie andere auch. Dann aber träumt ihr von der Jungfrau Maria, die ihr die Hand entgegenstreckt die sie – oh Wunder – ergreifen kann. Das heißt: Sie kann aufstehen! Einfach so. Das Wunder hat sie ereilt, unspektakulär, über Nacht. Aber ist es denn wirklich ein Wunder? Jetzt fangen die Fragen nämlich erst an.

Jessica Hausner nähert sich ihrem Thema mit nüchternem Blick und hoher Ambivalenz. Das Wunder in Person von Christine wird zwar wie ein Hollywoodstar beklatscht, aber es ist auch Quell von Neid und Missgunst: Warum sie und nicht ich? Oder es wird zum Gegenstand billiger Marienwitze, die sich die Malteser beim Schoppen erzählen, oder zum Ereignis, das erst einer Amtsprüfung unterzogen und beglaubigt werden muss. Es könnte ja eine nur vorübergehende Erholung sein. Lourdes hat seit 1858 über 7.000 Heilungen erlebt; nur 67 wurden kirchlich anerkannt.

Der dokumentarisch angelegte Film flaniert durch die verschiedenen Grüppchen, verharrt, um miniaturhafte Porträts der Beteiligten festzuhalten, ohne sich wirklich einzumischen. Sylvie Testud bewahrt mit großen blauen Kinderaugen das Geheimnis und rührt nicht an dem Wunder, das als unerklärbar und unerklärt (wie es in Lourdes heißt) gilt. Das größte Rätsel gibt die Malteseräbtissin Cécile (Elina Löwensohn) auf, eine über alles Irdische erhabene, sich im Dienst aufopfernde zarte Frau, die plötzlich zusammenbricht, als habe sich eine Seelenwanderung zugetragen. Oder als habe sich Hitchcock einen Moment lang als der wahre Regisseur zu erkennen gegeben. Kaum zu glauben, wie viel Spannung die Regisseurin durch den getragenen Rhythmus des Films aufzubauen versteht, der nur auf die ureigenen Schwingungen des rituellen Geschehens zu vertrauen braucht. Zuletzt – beim Abschlussfest – sitzt Christine erschöpft wieder im Rollstuhl und überlässt dem italienischen Schlager »Felicità« den Ausklang. Und der Gassenhauer singt – dem eigenen Tempo gehorchend – vom unbeschwerten Glück, das endlich seine unzweideutige Erklärung gefunden hat.

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