Kritik zu Licht

© Farbfilm Verleih

Der Stoff, aus dem das Kino ist: Die österreichische Regisseurin Barbara Albert (»Nordrand«, »Böse Zellen«) lässt eine blinde Pianistin das Licht entdecken – und in der Dunkelheit einen Freiraum finden

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Wie aus Beton gegossen sitzt die mächtige Hofperücke auf Resis Kopf. Der groteske Haarturm ist wie ein Symbol für die exaltierten Formen und den Druck der Gesellschaft, von der Barbara Alberts neuer Film erzählt. Es ist das Jahr 1777 in Wien; Maria Theresia regiert. Der »Resi«, eigentlich Maria Theresia Paradis (Maria Dragus), hat die Kaiserin eine Gnadenpension bewilligt, weil sie blind ist und so schön Klavier spielen kann. Herausgeputzt im feinen Kleidchen und mit der Betonperücke wird Resi von ihren Eltern bei Kammermusikabenden vorgeführt. Großartig, wie Maria Dragus (bekannt seit Michael Hanekes »Das weiße Band«, zuletzt war sie Vanilla in »Tiger Girl«) die Blinde spielt: Resis Gesicht ist gerötet von Musikleidenschaft und Wangenrouge; sie verdreht die leeren Augen, wirft ihren Körper vor und zurück beim Klavierspiel. Von der feinen Gesellschaft wird sie angeglotzt wie ein Zirkustier: »Schön ist sie ja nicht.« – »Aber spielen kann sie!« Resis Eltern sind stolz auf sie. Nur das »Wackeln« beim Spielen müsse Resi sich noch abgewöhnen, rügt ihre Mutter.

Barbara Alberts Regiedebüt »Nordrand« war 1999 der spektakuläre Start einer vielbeachteten Regiekarriere: Als erster österreichischer Film seit 1948 wurde »Nordrand« für einen Goldenen Löwen in Venedig nominiert und sorgte für einen enormen Schub des jungen österreichischen Gegenwartskinos. Mit »Böse Zellen« (2003) und »Fallen« (2006) belegte Barbara Albert dann erneut ihr Formbewusstsein und ihr »Händchen« für Schauspieler. Aber so wichtig die Männerfiguren in ihren Filmen auch sind – die Frauen sind Albert immer noch ein bisschen wichtiger. Auch in »Licht«, der, inspiriert von Alissa Walsers Roman »Am Anfang war die Nacht Musik«, einen realen Fall nacherzählt: Die früh erblindete, als Pianistin und Komponistin bekannte Maria Theresia Paradis wurde 18-jährig dem Arzt Franz Anton Mesmer anvertraut, durch dessen Behandlung sie ihre Sehkraft wiederlangte – vorübergehend.

Devid Striesow spielt Mesmer mit viel Charisma als Mischung aus Magier, Verführer, einfühlsamem (Seelen-)Arzt und Ehrgeizling, dem seine Patienten am Herzen liegen, aber auch die Anerkennung durch die Doktoren der Wiener Akademie. Im Zentrum seiner Theorie steht ein »magnetisches Fluidum«, das alle Körper durchströmt, das der »Magnetiseur« durch Handauflegen in Harmonie bringen will. Das passt nicht in seine Zeit der beginnenden Aufklärung: Mesmers Methode des Zuhörens und Berührens nimmt Erkenntnisse der modernen Psychologie vorweg, seine »magischen« Vorstellungen aber könnten aus dem Mittelalter stammen. Den etablierten Doktoren gilt er deshalb als Scharlatan; und als zweifelhafte Figur gibt ihn Striesow auch, wenn Mesmer in seinem Palais, aus dem er eine Art Sanatorium gemacht hat, mit großer Gauklergeste seine »Methode« zelebriert.

Er lässt Resi zu Beginn ihrer Kur die Betonperücke abnehmen, unter der sie fast kahl ist – das Ergebnis diverser Fehlbehandlungen; das Perückenungetüm hat der Kopfhaut dann den Rest gegeben. Wenn das Mädchen nun, zunächst unsicher, Luft an den Kopf lässt, steckt in dieser befreienden Geste die Ahnung vom bevorstehenden Sturm der Französischen Revolution, die die Hofperücken mitsamt ihren Trägern in Kürze hinwegfegen wird. Albert und ihre Drehbuchautorin Kathrin Resetarits beschreiben in »Licht« ein lebensabschnürendes, krankes und krank machendes System – in delikaten Bildern, die zur höfischen Gesellschaft passen. In einer klugen Nebenhandlung blicken sie dabei auch nach »unten«, in den Keller des Mesmer'schen Palais, wo die Dienstboten leben, ebenso unfrei wie ihre »Herren«.

Ein Wunder scheint möglich. Resi kann plötzlich sehen und lernt durch Mesmer, die für sie zuerst rätselhaften Seheindrücke zu deuten. Das ist auch komisch, wenn sie etwa bei einem Spaziergang etwas »besonders Schönes« entdeckt – einen Misthaufen. Das Sehen-Lernen nutzt die Regisseurin, um über das Licht, den Stoff, aus dem auch das Kino ist, die Bedeutung der Perspektive, das Trügerische des Sehens oder die Hierarchie der Sinne zu philosophieren. Damit verbunden ist eine Warnung: Sie müsse das Licht vorsichtig dosieren, sagt Mesmer zu Resi, sonst drohe die Blendung.

Seine Warnung lässt sich ebenso auf das »Licht der Vernunft« übertragen – der Titel von Barbara Alberts Film bezieht sich natürlich auch auf die (damals noch junge) Aufklärung. »Licht« zeugt von der Faszination der Regisseurin für das, was gerade nicht sichtbar ist, was sich der Vernunft entzieht: die Musik oder auch das »Fluidum« zwischen zwei Menschen. Höhepunkt der Begegnung von Mesmer und Resi ist eine gemeinsame Improvisation an zwei Klavieren, die Albert als ein rauschhaftes Miteinander inszeniert – wie Musik-Sex.

Je besser Resi sehen kann, desto schlechter spielt sie allerdings auch. Der Verlust ihrer Virtuosität ist der hörbare Ausdruck ihrer inneren Zerrissenheit, die die Zerrissenheit ihrer Zeit spiegelt, zwischen Rokoko und Aufklärung. Was sie denn noch wert sei, wenn sie nicht mehr Klavier spielen könne, klagt ihr Vater, und das fragt sich Resi schließlich auch selbst. Barbara Albert lässt dem Zuschauer keine Illusionen, wie klein die Freiräume für ihre Figuren sind und welche Rollen Frauen in dieser Gesellschaft zugewiesen werden, wenn sie nicht als blinder Freak Klavier spielen.

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