Kritik zu Leaning into the Wind: Andy Goldsworthy

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2017
Original-Titel: 
Leaning into the Wind: Andy Goldsworthy
Filmstart in Deutschland: 
14.12.2017
Musik: 
L: 
93 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Fast 17 Jahre nach seinem ersten Film über den schottischen Land-Art-Künstler begleitet Thomas Riedelsheimer Goldsworthy ein weiteres Mal mit der Kamera

Bewertung: 3
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Wie eine Figur von Caspar David Friedrich zeigt Thomas Riedelsheimers Kamera einmal den Held des Films: von hinten hoch oben auf einer Bergkuppe, den Blick unter der breiten Krempe des Huts in eine weite Hügellandschaft schweifend. Nur die Kettensäge nebenan deutet auf modernere Zeiten, bleibt in dieser Episode aber unbenutzt. Andy Goldsworthy hatte zwar vor, sie einzusetzen, es dann hier an dieser erhabenen Stelle aber doch nicht gewagt. Denn es wäre das erste Mal, dass er nicht in einen schon losgelösten Gesteinsbrocken schneidet, sondern in festen, noch erdverwachsenen Fels. Und vor dieser Verletzung scheut er zurück.

Die Szene nach etwa zwei Dritteln Laufzeit von »Leaning into the Wind: Andy Goldsworthy« ist ein klug gesetzter Klimax dieses trotz vieler Emotionen erfreulich unaufgeregten Films, der den britischen Land-Art-Star bei seinem künstlerischen Tagwerk begleitet. Mal allein und ganz vorsichtig mit Blättern und Gräsern hantierend, mal mit Team und schwerem Gerät wie in Spanien, wo mit Baggern und Schlaghämmern große Steinblöcke zu in der Landschaft verteilten »Sleeping Stones« ausgehöhlt werden, Skulpturen zwischen Wanne, Bett und Sarg, in die man sich legen kann. Die körperliche Seite der Arbeit bedeute ihm viel, sagt der Künstler, der vor seinem Kunststudium viele Jahre in der Landwirtschaft gearbeitet hatte: das Sammeln und Zusammentragen, die beharrliche Wiederholung. Und auch heute strandet er dabei zwischen Projekten in Brasilien, Gabun oder Südfrankreich immer wieder in der schottischen Heimat.

Siebzehn Jahre sind es jetzt her, seit der Münchner Filmemacher und Kameramann Thomas Riedelsheimer mit »Rivers and Tides« erstmals mit Goldsworthy drehte. Auch wenn es im Privatleben des Künstlers in dieser Zeit große Umbrüche gab (Trennung und Tod, Liebe und neue Kinder, die älteste Tochter Holly ist nun seine engste Mitarbeiterin), die Arbeit mit Ästen, Blättern und Steinen ist fast gleich geblieben. Fast, denn auch die Natur ändert sich – teils sogar dramatisch, wenn mit dem Sterben der Ulmen in einer vom Künstler immer wieder besuchten Bachlandschaft in der Nähe auch die gelbe Farbe aus deren Blättern abhanden kommt.

Doch auch der Naturbegriff des Künstlers hat sich erweitert, sagt er. So geht er nun in die Stadt und beklebt Gehwege mit Bändern aus roten Blättern. Dort findet er auch erstmals ein direktes Publikum für die Arbeiten, denen Goldsworthy sonst erst mit dem Fotografieren Präsenz für andere und Dauer verschaffte. Dabei wäre der Film, Riedelsheimers Arbeit zeigt es, wohl eigentlich das angemessenere Medium, um die künstlerische Arbeit auch in ihrer Prozesshaftigkeit festzuhalten. Und Fred Friths diskreter Soundtrack lässt die Grenzen zwischen vorgefundenen Klang und Komposition ähnlich schön verfließen wie Goldsworthys Kunst. Schade nur, dass die für aktuelles Kunstschaffen zentralen planerischen und ökonomischen Aspekte im Film gar keinen Raum finden, was (siehe Anfang) den Begriff von Kunst stark verfälschend ins Romantische verzerrt.

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