Kritik zu Lady Bird

© Universal Pictures

2017
Original-Titel: 
Lady Bird
Filmstart in Deutschland: 
19.04.2018
K: 
S: 
Musik: 
L: 
94 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Bei den Oscars ging Greta Gerwigs Einzelregiedebüt über ein unglamouröses Aufwachsen in Sacramento trotz fünf Nominierungen leer aus. Aber zu dem betont unaufgeregten Film passt das Ergebnis gut

Bewertung: 4
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Mal wieder ein Coming-of-Age-Film. Gibt's davon nicht eigentlich schon genug? Nein, niemals wird es genug Coming-of-Age-Filme geben. Weil sich zum einen die Bedingungen des Heranwachsens beständig ändern. Und weil die Heranwachsenden ja auch immer unterschiedlich ausfallen. Zu berücksichtigen ist weiterhin die spezifische Perspektive des Filmemachers, der im vorliegenden Fall eine Filmemacherin ist und Greta Gerwig heißt.

Gerwigs Arbeit steht, wie die ihres Partners Noah Baumbach – mit dem zusammen sie Drehbücher schreibt und in dessen Filmen sie denkwürdige Vorstellungen gibt, zu nennen sind hier vor allem »Greenberg« (2010) und »Frances Ha« (2012) – für einen subtil humoristischen Ton, der sich aus den Minitragödien des Alltags speist. Bei den Protagonisten ihrer Filme handelt es sich meist um ganz normale Durchschnitts-Loser, deren mitunter vergebliche Bemühungen, sich im Dasein zu behaupten, weder der Lächerlichkeit preisgegeben werden noch in Pessimismus getaucht sind. Der Wiedererkennungswert dieser unperfekten, immer wieder auch an sich selbst scheiternden Figuren ist hoch. Die Sympathie, die man ihnen als solcherart freundlich zur Identifikation eingeladene Zuschauerin entgegenbringt, dementsprechend groß.

Auch Christine »Lady Bird« McPherson, die Titelheldin von Gerwigs Film, schließt man schnell und gern ins Herz, weil sie stur über ihre Verhältnisse träumt, große Pläne mit dem eigenen Leben hat und sich nicht ins Bockshorn jagen lässt. Erst recht nicht von einer eher widrigen Ausgangslage, wie sie die wirtschaftlich angespannte Situation ihrer Eltern darstellt. Lady Bird will weg aus dem öden Sacramento und nach der Highschool irgendwo an der Ostküste studieren, nach Möglichkeit im bekanntermaßen viel aufregenderen New York. Ihre Mutter, die als Krankenschwester arbeitet und, nachdem der Vater seine Arbeit verloren hat, nunmehr alleine das Geld nach Hause bringt, ist davon wenig begeistert. Während die Mutter nun also versucht, den Dickschädel ihrer Tochter mit pragmatischem Denken zu impfen, flattert diese los, um erste amouröse Abenteuer zu erleben. Spannungen und Turbulenzen, Konflikte und Enttäuschungen sind die Folge.

Mit »Lady Bird« lässt Gerwig auf den zehn Jahre zuvor in Kollaboration mit Mumblecore-Vertreter Joe Swanberg entstandenen »Nights and Weekends« endlich ihren zweiten, nunmehr in Alleinregie und nach eigenem Drehbuch inszenierten Film folgen. Ein fulminanter Zweitling, für den die Internet Movie Database stattliche 98 Auszeichnungen und 191 Nominierungen listet, darunter fünf Oscarnominierungen in den wichtigen Kategorien Film, Regie, Drehbuch, Haupt- und Nebendarstellerin. »Lady Bird« sei kein autobiografischer Film, betont Gerwig, habe allerdings einen wahren Kern, in dem ihre eigenen Erfahrungen aufgehoben sind. Es gibt einige faktische Gemeinsamkeiten zwischen Gerwigs Aufwachsen und dem ihrer Heldin. Wie Christine »Lady Bird« McPherson ist auch Greta Celeste Gerwig als Tochter einer Krankenschwester in Sacramento geboren. Wie sie besuchte Gerwig eine katholische Highschool, an der sie in der Theatergruppe engagiert war. Und wie sie ging sie anschließend zum Studieren nach New York. Wo Gerwig sodann mit der Mumblecore-Bewegung zur sogenannten Indie-Ikone aufstieg. Die spontaneistische No-Budget-Filmemacherei hat sie zwar schon seit geraumer Zeit hinter sich gelassen, die Souveränität und Reife ihres Solodebüts überrascht dann aber doch.

Freilich hat Gerwig mit Saoirse Ronan in der Titelrolle und Laurie Metcalf in der Rolle der Mutter zwei echte Glücksgriffe getan und Schauspielerinnen verpflichtet, denen es hervorragend gelingt, das traditionell konfliktträchtige Verhältnis zwischen Mutter und Tochter facettenreich, dabei doch immer glaubwürdig und einnehmend darzustellen. Nicht zuletzt aber ist »Lady Bird« ein angenehm unaufgeregter Film über gelingende weibliche Selbstermächtigung – dessen rebellische Heldin zudem ein gutes Vorbild abgibt.

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