Kritik zu I Phone You

© Reverse Angle

2011
Original-Titel: 
I Phone You
Filmstart in Deutschland: 
26.05.2011
R: 
L: 
95 Min
FSK: 
6

Die Absolventin der Babelsberger Filmhochschule Dan Tang hat ein Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase verfilmt

Bewertung: 3
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So fern und doch so nah: Ling (Jiang Yiyan) ist eine junge, hübsche Frau in der chinesischen 32-Millionen-Metropole Chongqing, die man von Wong Kar Wais »Chungking Express« kennen könnte. Hier hat sie den chinesischen Geschäftsmann Yu kennengelernt, der in Berlin lebt. Morgens, als sie das Luxushotel in High Heels und rotem Versace-Abendkleid verlässt, stöckelt sie auf einem schmalen Grat zwischen naiver Mädchenunschuld und eleganter Edelprostitution. Wie sich die beiden kennengelernt haben, wie die Natur ihrer Beziehung aussah, bleibt offen. Doch dann platzt mitten in Lings Alltag als Blumenmädchen einer Truppe, die als Clowns verkleidet, auf Bestellung Gebinde und Grußbotschaften überbringen, ein Bote mit einem iPhone: »Mit diesem Ding können wir uns jederzeit erreichen, säuselt Yu, seine schmalzige Liebesbotschaft, mit fliegenden Rosen und Herzen spielt Ling immer wieder ab. So stellt das iPhone eine trügerisch unmittelbare Nähe her, eine Verbindung, die jederzeit wieder gekappt werden kann. »The person you have called, is not available.«

»I phone You«

Als Ling spontan beschließt, nach Berlin zu reisen, um Yu zu besuchen, hält man als Zuschauer unwillkürlich den Atem an: Ob das gutgehen kann? Was weiß sie denn schon über diesen Mann und sein Leben? Nun steht sie auf dem Flughafen Tegel und ruft ihren Liebsten an, der jedoch schnöde seinen Bodyguard (Florian Lukas) schickt, mit dem Auftrag, sie so schnell wie möglich wieder loszuwerden. So beginnt für Ling eine kurze heftige Liaison mit der fremden Stadt, eine aberwitzige Berlin-Odyssee mit allerlei bizarren Begegnungen, mit einem türkischen Taxifahrer, vietnamesischen Gangstern, chinesischen Touristen, polnischen Handwerkern, und deutschen Polizisten. Während der fremde Blick einer Chinesin, die kein Deutsch spricht, Berlin in einen magischen Ort voll exotischer Wunder verwandelt, sorgt der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase in diesem Film der HFF Konrad Wolf-Absolventin Dan Tang für die Erdung in der Wirklichkeit. Er stattet diese entwaffnend offene und neugierig optimistische Heldin mit derselben Widerstandsfähigkeit gegen die Zumutungen der Welt aus, die schon die Sängerin in »Solo Sunny« und die Frauen im »Sommer auf dem Balkon« auszeichnete. Über gelegentliche Holprigkeiten im Erzählfluss hilft die beschwingt lebensfrohe Poesie des Soundtracks von dem malischen Trio Smod hinweg, die die verschiedenen Perspektiven auf die Stadt luftig verbindet.

Voller Verzauberung lässt Ling diese fremde, bunte Welt auf sich wirken, während sie sich weitgehend ungerührt von Zwischenstationen in heruntergekommenen Hotels, auf der Polizeiwache und im Wohnheim nicht den Wind aus den Segeln nehmen lässt. Wenn sie sich immer wieder von ihrem Aufpasser losreißt und unbeirrt nach ihrem Liebsten sucht, erinnert sie entfernt an Jeanne Moreau, die einst auf der Suche nach ihrem Geliebten durch Paris irrte. Dabei verlagert sich die Liebesgeschichte mit dem enigmatischen Mann schleichend in einen Flirt mit der Stadt.

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