Kritik zu Höhere Gewalt

© Alamode

2014
Original-Titel: 
Turist
Filmstart in Deutschland: 
20.11.2014
Musik: 
L: 
118 Min
FSK: 
Ohne Angabe

»Frauen und Kinder zuerst!«, heißt die Maxime für den Katastrophenfall. Was aber, wenn ein Familienvater zuallererst sich selbst rettet und Frau und Kinder zurücklässt? Ruben Östlunds so spannendes wie feinsinniges Drama beleuchtet die Folgen

Bewertung: 4
Leserbewertung
4.333335
4.3 (Stimmen: 3)

Es sind nur wenige Sekunden auf einer Restaurantterrasse, die den Urlaub in einem Skiresort in den französischen Alpen zur Zerreißprobe werden lassen. Die entscheidenden Momente, ihr Davor und ihr Danach zeigt der Film in einer beeindruckenden langen Totalen: Die junge schwedische Familie, Vater Tomas und Mutter Ebba, Tochter Vera und ihr kleiner Bruder Harry sitzen vor grandiosem Bergpanorama beim Essen, als in diesem so friedlichen Hintergrund eine »kontrollierte Lawine« abgeht – ein Spektakel für Mensch und Smartphone. Doch die Schneemassen kommen immer näher, rasen auf das Restaurant zu.

»Ich kümmere mich instinktiv um unsere Kinder, Tomas läuft instinktiv von uns weg«, wird die entsetzte Ebba später sagen. Äußerlich richtet die Lawine keinen Schaden an, durch die Beziehung jedoch zieht sie eine Schneise der Verwüstung. Fast ebenso schlimm wie der eigentliche »Tatbestand« von Tomas’ egoistischer Instinktreaktion wiegt dabei, dass er sie zunächst einfach abstreitet und zur Tagesordnung eines harmonischen Urlaubs übergehen will. So wird der Aufenthalt zu einem Parcours der Beklemmungen und Konflikte, die nicht nur Tomas und Ebba samt Kindern erfassen, sondern auch einen alten Freund von Tomas und seine jüngere Partnerin, die zu Besuch kommen. Man ringt um eine gemeinsame, erträgliche Deutung des Geschehens, doch der Riss geht tief.

Ruben Östlund (Play) seziert die Kämpfe der Protagonisten um das männliche Rollenbild, um Vertrauen und Beziehungsmodelle mit unbestechlicher Genauigkeit und einem erfrischenden, bisweilen schwarzen Humor. Sein gesamter Cast beeindruckt durch feine und glaubwürdige Darstellungen, die in ihrer Lebensnähe durchaus ungemütlich werden. Wie würden Sie sich in einer bedrohlichen Situation verhalten? Studien und Beispiele realer Kata­strophen geben nicht unbedingt Anlass, sich auf den »Beschützerinstinkt« zu verlassen. Ist also doch jeder sich selbst der Nächste, wenn es hart auf hart kommt?

Östlunds Blick ist nicht gänzlich fatalistisch, doch ziemlich illusionslos. Als Meister der Illusion erweist er sich im Filmischen: Ein beträchtliches Maß an Spannung bezieht Höhere Gewalt durch subtile Diskrepanzen zwischen Realismus und Bildern, die sachte, aber beharrlich ins Surreale reichen. Östlund und sein Kameramann Fredrik Wenzel setzen so ausgiebig wie unauffällig digitale Bildmanipulationen ein, um die Szenerien zu stilisieren. Das Luxushotel erscheint da wie eine in hellem Holz gehaltene Massenproduktionsanlage für Familienharmonie. Die Weite der Bergpanoramen konterkariert die Enge der Beziehungsgeflechte und suggeriert sowohl Freiheit wie auch zunehmend Verlorenheit. Unheimlich stechen die wiederkehrenden Bilder von Lawinenschutz-Installationen heraus sowie das akustische Leitmotiv der Sprengungen, welche die »kontrollierten Lawinen« auslösen. Überall wird hier um Kontrolle gerungen, am Berg, in der Ehe, mit den eigenen Widersprüchen – und der Film registriert das mit der kühlen Sachlichkeit langer Kamerablicke. Noch vor dem Moment der Verstörung wird die Harmonie der Familie infrage gestellt, auch durch deren visuelle Überbetonung, etwa in der farblich perfekt abgestimmten Skikleidung von Kindern und Eltern. Wenn alle vier in uniformer Unterwäsche auf dem Hotelbett ein Nickerchen machen oder vor dem Badezimmerspiegel synchron die Zähne putzen, unterwandern kleinere Störungen diese Tableaus. Wohldosiert sickern später auch bizarrere Bilder in den Erzählfluss ein.

Wenn gegen Ende noch einmal äußere Dramatik ins Spiel kommt, ist ihr Zweck vielleicht einen Hauch zu durchsichtig, doch es sind nicht zuletzt die Thrillerqualitäten, die diesem Film seinen Nachdruck verleihen. So mag zwar manches wieder gut werden, wie vorher kann es gewiss nie wieder sein.

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