Kritik zu Hello I am David! – Eine Reise mit David Helfgott

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2015
Original-Titel: 
Hello I am David! – Eine Reise mit David Helfgott
Filmstart in Deutschland: 
21.01.2016
K: 
L: 
100 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Cosima Lange porträtiert den nervenkranken australischen Starpianisten David Helfgott, den die Welt aus dem oscarprämierten Spielfilm »Shine« kennt

Bewertung: 4
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Schon damals, 1996, als Geoffrey Rush ihn sich anverwandelte, war klar, dass es David Helfgott wirklich gibt, dass er Scott Hicks half, seinen oscarprämierten Film »Shine« zu drehen und sich dann selbst sah in dieser fiktionalisierten Biografie. Er sah nun von außen, wie er zerfiel und von der schizoaffektiven Nervenstörung, unter der er litt, fast besiegt wurde. Mit dem Film »Shine« fand David Helfgott den Weg zurück auf die Bühnen der Welt, und es hat viel zu lange gedauert, bis jemand den Mut aufbrachte, ihn bei einer Konzerttournee zu begleiten.

David ist intelligent, selbstbewusst, liebenswert, zügellos und in seiner wunderbaren Offenheit auch schwer auszuhalten. Er kennt keine Grenzen, keine Übergänge, er ist immer ganz da, wo er sich selbst wahrnimmt. Er schwimmt ungeheuer gern, im Pool oder im Meer oder eben in seiner Musik, die ihn wie Wasser ganz umgibt und für ihn mehr ist als nur Kunst im Klang. Seine Musik ist Kommunikation, eine Ebene, die dem ewig und pausenlos vor sich hin brabbelnden Pianisten sonst fehlt. Nicht dass er Unsinn reden würde, er weiß genau, was er sagt, aber die Sätze stolpern aus ihm heraus wie aus einem Kind. Am liebsten würde er alle seine Zuhörer mit einer Umarmung begrüßen, mindestens aber mit Handschlag und einige sogar mit einem Kuss. Fremde werden unmittelbar zu Freunden, wenn sie ihm gegenübertreten, und kaum jemand nimmt die kindliche Grenzübertretung übel. In der Musik hingegen ist er souverän. Die komplexesten Griffe auf dem Klavier, die schnellsten Tremolos und die rasantesten Tonfolgen machen ihm keinerlei Schwierigkeiten. Im Gegenteil, wenn er wüsste, dass sie schwierig sind, so ein Freund, würde er sie nicht beherrschen. Und selbst wenn er manchmal aus dem vorgegebenen Raster aussteigt, weil er sich so freut, dass ein Fagott im Hintergrund erklingt, findet er spielend wieder zurück. Es geht nicht um Perfektion, sagt der Dirigent Matthias Foremny, sondern um Kraft, das rauschhafte Erleben von Musik, die niemand so spielt wie David Helfgott.

Cosima Lange ist mit der Kamera ganz intensiv dabei. Sie musste, das zeigt der Film deutlich, eine intime Freundin von David und seiner Frau Gillian werden, um diese erstaunliche Gelassenheit in den Film zu bringen. Sie stellt David nicht aus, sondern begleitet ihn mit warmherzigem Blick. Auch dann, wenn er unruhig wird, nicht im Auto sitzen bleibt, unbedingt seine Coca Cola braucht oder im Hotel 200 Kulis klaut. Arglist und Boshaftigkeit fehlen ihm völlig, aber seine Gegenwart ist anstrengend. Sie begleitet das musikalische Genie, und man muss bereit sein, sich davon zu distanzieren, muss die Grenze, die David ständig durchbricht, für sich selbst aufrechterhalten. Lange ist mit ihrer Dokumentation eine gute Ergänzung von Scott Hicks' »Shine« gelungen. Nicht zuletzt deshalb, weil man hier unmissverständlich sieht, dass Geoffrey Rush seinen Oscar als bester Hauptdarsteller zu Recht gewonnen hat.

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