Kritik zu Heil

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Nach seinem Ausflug in den Ernst mit dem Sektendrama »Kreuzweg« kehrt Dietrich Brüggemann (»Renn, wenn du kannst«, »Drei Zimmer/Küche/Bad«) zum Genre der Komödie zurück, diesmal mit einer Nazisatire

Bewertung: 3
Leserbewertung
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2 (Stimmen: 2)

Weltgeschichtliche Ereignisse geschehen bekanntlich zwei Mal, ein Mal als Tragödie, dann als Farce. Für die Tragödie bleiben in Dietrich Brüggemanns neuem Film nur Sekunden. Dokumentarische Bilder zeigen den Zweiten Weltkrieg, Leichenberge und den »Führer«. Schnitt: »70 Jahre später.« In einem fiktiven Dorf in den neuen Bundesländern sprühen Rechtsradikale schon wieder Hakenkreuze an die Wand. Angeführt wird das braune Gesocks von Sven, einem Neonazi mit großen Plänen und noch größerem Liebeskummer. Seine Angebetete Doreen hat nämlich genug von Stammtischsprüchen. Sie fordert Taten. Und so macht Sven sich eine To-do-Liste: Zum Führer werden und in Polen einmarschieren. Leichter gesagt als getan.

Der Zufall in Gestalt des afrodeutschen Sebastian Klein kommt ihm zu Hilfe. Der angesagte Integrationsbuchautor begibt sich zu einer Lesung nach Prittwitz, wo Neonazis ihn gebührend empfangen: mit einem Schlag auf den Hinterkopf. Sebastian verliert das Gedächtnis und wird zum willfährigen Sprachrohr für Svens rechtsradikale Botschaften. Talkshows reißen sich um den Farbigen mit den rechten Sprüchen. Die Stimmung im Land kippt. Sven ist auf den besten Weg, zum neuen Führer zu werden. Nun braucht er nur noch einen Panzer, um von Polen aus einen Grenzkonflikt zu provozieren...

Ob man über Neonazis lachen dürfe, fragte eine Kritikerin nach der Pressevorführung von Heil. Man würde ja gerne, doch gibt dieser Film nur gelegentlich Anlass. Brüggemann thematisiert die NSU-Morde und die Unfähigkeit des Verfassungsschutzes, der die rechte Szene mit V-Leuten infiltriert, dabei aber ein heilloses Bürokratiewirrwarr erzeugt. Liberale Intellektuelle kommentieren das Chaos im Fernsehen mit sinnentleerten Rederitualen. Unterdessen versucht die hochschwangere Nina herauszufinden, warum ihr farbiger Freud Sebastian plötzlich braune Sprüche klopft. Dabei wird sie als vermeintliche Linksterroristin verhaftet und landet vor einem Richter, der auf dem rechten Auge blind ist: und zwar buchstäblich.

Über diesen verbildlichten Kalauer aus der Monthy-Python-Schule kann man herzlich lachen. Brüggemanns Gesellschaftssatire hat ihre Momente, ist aber nur in Ansätzen gelungen, weil sie alles und jeden durch den Kakao ziehen will: sensationsgeile TV-Reporter und besessene Theatermacher, die der Authentizität wegen mit echten Nazis arbeiten. Der Film verzettelt sich. Der Tonfall bleibt dabei immer gleich, und so verflacht die Farce wie in jener Schlüsselszene, in der ein Neonazi schweren Herzens seinen geliebten Kampfhund erschießt, weil der sich als schwul entpuppt. Da der Film diese Figur nicht wirklich ernst nimmt, kann man ihren schmerzlichen Verlust nicht nachfühlen. Auf diese Weise verpufft so manch böser Gag. Es fehlt die tragische Dimension, weil die Charaktere eindimensional bleiben. Benno Fürmann bleibt als Neonazi so blass wie der unscheinbar agierende Jerry Hoffmann in der Rolle des eitlen Buchautors. Auch Cameoauftritte von Dietrich Kuhlbrodt und Andreas Dresen verleihen dieser Collage aus kabarettistischen Szenen nicht den rechten Biss.

Meinung zum Thema

Kommentare

Die Story ähnelt sehr dem film "Der schwarze Nazi" von der Filmgruppe "CinemAbstruso" aus Leipzig
Hier mehr: http://www.derschwarzenazi.de/

Ich habe ein tieferes Eindringen in die aufgezeigte Problematik erhofft - gezeigt werden jedoch bei durchaus gelungener Situationskomik Klischees, die möglicherweise der Realität nicht entsprechen. Ganz so blöd wie dargestellt werden entsprechende Kreise nicht sein (weit bauer). Eine stringente Story wäre ebenfalls von Vorteil gewesen. Gelungen ist allerdings das Casting, weil die Nazis im Aussehen wunderbar allen Klischees entsprochen haben. Ein Darsteller muß allerdings besonders hervorgehoben werden: Der Kampfhund namens "Jesus"!

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