Kritik zu Haus der Sünde

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2011
Original-Titel: 
L'Apollonide (Souvenirs de la maison close)
Filmstart in Deutschland: 
19.04.2012
Musik: 
V: 
L: 
122 Min
FSK: 
16

So entrückt wie realistisch, melodramatisch wie sachlich erzählt Bertrand Bonello vom Alltag eines Bordells um 1900

Bewertung: 3
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Auf den ersten Blick wirkt Bertrand Bonel­los »Haus der Sünde« wie aus der Zeit ge­fallen: nicht nur wegen seines Themas, es geht um ein Pariser Vorstadtbordell im ausge­henden 19. Jahrhundert, sondern vor allem wegen seines Stils – ein fast träge zu nen­nender, nostalgisch anmutender Kostümfilm, in dem ausgiebig dem Trübsinn und der Lan­geweile gehuldigt wird, während Erotik, Sex und sexuelle Obsessionen fast keine Rolle spielen. Doch mit der Zeit entwickeln sich die­ se scheinbaren Schwächen zu den eigent­lichen Stärken des Films. Der langsame Er­zählfluss – eine Handlung in dem Sinne gibt es gar nicht – lässt mit seltener Schärfe den prekären Status der Prostituierten hervortre­ten, ihr jeweiliges Gefangensein in Situati­onen von Überschuldung, Krankheit, falschen Hoffnungen, verschiedenen Abhängigkeiten oder auch einfach Lebensangst. Die nostal­gische Stimmung verwandelt sich in eine Wehmut ganz anderer Art – ein tiefes Bedau­ern darüber, dass sich heute vielleicht die äu­ßeren Umstände, nicht aber die inhärenten Zwangsverhältnisse im Prostitutionsgeschäft geändert haben. 

Wie ein unbeteiligter Hausgast protokol­liert die Kamera den Alltag der »Mädchen« im Bordell. Da gibt es die schwesterlichen Gesten der Solidarität, es werden Gesundheitstipps ausgetauscht, man leistet sich ein wenig leicht verächtlichen Tratsch über die Freier im ge­meinsam benutzen Badezimmer. Über allem liegt eine nie ganz zu vertreibende Müdigkeit, in der sich auch Überdruss andeutet, ein Be­wusstsein über die Ausweglosigkeit der eige­nen Lage. Zwölf Jahre sei sie schon da, erzählt irgendwann Clotilde (Céline Sallette), am An­fang habe sie geglaubt, schnell wieder drau­ßen zu sein, aber heute wisse sie gar nicht mehr, wohin sie denn gehen sollte. Einer der Dauergäste überschüttet sie mit Liebeserklä­rungen. Dann geht er eines Abends mit einer anderen nach oben. Und Clotilde, mit den Augen einer, die es schon vorher gewusst hat, ergibt sich der Opiumsucht. 

Kleine Geschichten dieser Art fügt der Film zu einem lockeren Erzählgewebe, in dem es einen roten Faden gibt: das Trauma von Madeleine. Auch sie hatte einen regelmäßigen Freier, der sie zu Träumen anstiftete. Eines Nachts erlaubt sie ihm, sie zu fesseln. Und wird auf grausame Weise von ihm verstümmelt. Als »die Frau, die lacht« führt sie ab da ein ge­duldetes Schattendasein im Bor­dell. Sie kocht und wäscht, und ab und zu gibt es Klienten, die sich für »das Monster« interessie­ren. Zur Szene ihrer Verstümme­lung kehrt der Film mehrfach zurück, gegen den Willen des Zuschauers, möchte man sagen. Dabei wird nicht die Verletzung als Akt gezeigt, sondern das Machtverhältnis, das ihn mög­lich machte. »Ich zahle, also ent­scheide ich«, sagt der Freier, als Madeleine ihn bittet aufzuhören – um ihr dann die Mundwinkel aufzuschneiden. 

Nur selten verlässt die Kamera die nicht eben üppig ausgeleuchteten Bordellräume. Obwohl die Frauen oft mit entblößten Oberkörpern zu sehen sind, kippt der Blick nie ins Voyeuris­tische. Statt das Interesse am Sex zu stimulie­ren, dämpft »Haus der Sünde« ihn eher ab. Wenn sie je rauskäme, würde sie keine Liebe mehr machen, nie mehr, sagt eines der Mäd­chen. Und man begreift sehr gut, warum.

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