Kritik zu The Girl with all the Gifts

© Universum Film

2016
Original-Titel: 
The Girl with all the Gifts
Filmstart in Deutschland: 
09.02.2017
B: 
L: 
110 Min
FSK: 
16

Zombie-Apokalypse, diesmal in England: Colm McCarthy dreht das Genre um und macht eines der infizierten Kinder zum Hoffnungsträger für die wenigen überlebenden Menschen

Bewertung: 5
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Warum sperrt man ein zehnjähriges Mädchen in eine Zelle, die es tagsüber nur gefesselt in einem Rollstuhl verlassen darf? Was ist es, das sie und die anderen Kinder so gefährlich macht? Diese Frage, die sich der Zuschauer bei den ersten Szenen stellt, wird erst nach einer Viertelstunde teilweise beantwortet: Riechen diese Kinder Menschenfleisch, so erwacht ihr Fressimpuls. Deswegen müssen sie gefesselt bleiben und die Menschen sich schützen, indem sie ihren Geruch mit einem Gel neutralisieren.

Zombies, von den Toten auferstandene Wesen mit einem Hunger auf Menschenfleisch, sind zweifellos die derzeit populärsten Figuren im Kanon der Monster. Davon künden die Fernsehserie »The Walking Dead«, Kinofilme wie »World War Z«, eine kaum überschaubare Anzahl von DVD-Premieren und die Programmauswahl beim alljährlichen »Fantasy Filmfest« im Sommer. Dort hatte auch dieser Film seine Deutschlandpremiere, nachdem seine Weltpremiere als Eröffnungsfilm des Festivals von Locarno für einige Irritationen gesorgt hatte.

Zombies sind normalerweise eine anonyme Masse, Untote, die mit Kopfschüssen endgültig aus dem Verkehr gezogen werden müssen: Das gibt es auch hier, aber es ist nicht prägend. Dass es sich bei »The Girl with All the Gifts« um eine »post doomsday story« handelt, erschließt sich erst nach und nach. Zehn Jahre nach dem Ausbruch einer Epidemie in Großbritannien sind die Untoten, hier »Hungries« genannt, in der Mehrzahl, die letzten noch gesunden Menschen haben sich auf Militärbasen verbarrikadiert. Als die Basis eines Tages von Hungries überrannt wird, gelingt nur wenigen die Flucht: Sergeant Parks (Paddy Considine) mit zwei Soldaten, der Wissenschaftlerin Dr. Caldwell (Glenn Close), der Lehrerin Helen Justineau (Gemma Arterton) und Melanie (Sennia Nanua), dem zehnjährigen Mädchen. Sie wird für das Überleben der Gruppe immer wichtiger, das begreifen nach und nach alle.

Die Lehrerin, die Wissenschaftlerin, der Soldat: Empathie, nüchterner Forschungsdrang, das Wissen um die Notwendigkeit zu töten – die Rollen sind anfangs klar umrissen. Es ist das Verdienst dieses Films, dass er sie mit fortschreitender Handlung unterminiert. Der Charakter von Melanie ist von vornherein ambivalent: aufgeweckt, wissbedürftig, aber eben auch kein Mensch, sondern ein Wesen, das mehr und mehr (auch über sich selber) lernt.

Was macht den Menschen aus? Mit dieser Frage knüpft der Film an Werke wie Joseph Loseys »The Damned« (1962) an, in dem radioaktiv verseuchte Kinder die Hoffnung auf eine neue Gesellschaft nach der Katastrophe waren, oder auch an George A. Romeros »Day Of the Dead« (1985), in dem ebenfalls ein einzelner lernfähiger Zombie eine tragende Rolle spielte. Regisseur Colm McCarthy holt aus seinen Hauptdarstellern exzellente Leistungen heraus, besonders aus Glenn Close als Wissenschaftlerin und der Debütantin Sennia Nanua als Melanie, die am Ende ihre Rolle als Pandora angenommen hat. Vielleicht ist der Mensch tatsächlich nicht die geeignetste Spezies für das Überleben dieses Planeten.

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