Kritik zu A Floresta de Jonathas – Im dunklen Grün

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2012
Original-Titel: 
A Floresta de Jonathas
Filmstart in Deutschland: 
06.03.2014
K: 
Musik: 
V: 
L: 
98 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Wenn das Paradies zur Hölle wird: Das meditative Amazonasfilmdebüt des brasilianischen Filmemachers Sérgio Andrade

Bewertung: 3
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Es ist das wahre Dschungelcamp, mit Prüfungen und Hindernissen, die jene geltungsbedürftigen C-Promis aus dem Privatfernsehen keine Sekunde überleben würden. Dort, im ländlichen Amazonasgebiet, erzählt Regisseur Sérgio Andrade in seinem Debüt von der schicksalsträchtigen Verbindung zwischen Jonathas (Begê Muniz) und dem älteren Bruder Juliano (Ítalo Castro). Beide helfen brav ihrem Vater bei der Obsternte und verkaufen die frisch gepflückten Früchte an einem selbst gezimmerten Stand am Straßenrand. So weit der trügerische Schein. In Wahrheit steigt der fesche Juliano regelmäßig bei seiner parfümierten Kundschaft ins Auto und kehrt erst spät nachts von lustvollen Abenteuern zurück. Der zornige Vater verspottet ihn als Gigolo und männliche Hure, die Autorität gegenüber dem rebellischen Sohn hat er längst im Suff ertränkt. Der sanftmütige Jonathas hält zwar zum Senior und hilft ihm fleißig bei der Ernte, träumt aber insgeheim von Liebe, Sex und Zärtlichkeit – als Sinnbild für ein anderes Leben fernab der Ödnis im titelgebenden »dunklen Grün« des Amazonas.
Ein Camping-Trip mit seinem Bruder, der jungen ukrainischen Backpackerin Milly (Viktoryia Vinyarska) und einem wortkargen wie geheimnisvollen indigenen Begleiter verspricht die erhoffte Abwechslung. »Ist das hier nicht Brasilien für dich?«, fragt das feinfühlige Mädchen den entfremdeten Jonathas. »Nein, Brasilien ist für mich ganz woanders. Irgendwo da unten. In einem anderen Land.« Als Liebesbeweis entschwindet er im Morgengrauen in die Tiefen des Waldes, auf der Suche nach einer seltenen Passionsfrucht, die er ihr schenken möchte.
Der Amazonas ist bei Regisseur Sérgio Andrade nicht das, zu dem er gemeinhin gerne verklärt wird: »Grüne Lunge der Welt« oder gar das »Idyll der Indios«? Sein Wald ist nicht nur geheimnisvoll, sondern in seiner sanften Brutalität ein Universum für sich. Im Dickicht ist kein Platz für Nationen, Gesetze oder Regeln des urbanen Lebens, hier raschelt es, piekst es, jeder Baumstamm ist wunderschönes und bedrohliches Chaos, das seine Betrachter verschlingt. Das dissonante Surren und Zirpen der Fauna ist der flirrende Score in diesem meditativen Film, der auch ein wertfreies Bild der Amazonasbewohner zeichnet.
Andrade, der aus Manaus kommt und viele Jahre lang Geschäftsführer der Amazonas Filmförderung war, beschreibt sein ästhetisches und künstlerisches Anliegen folgendermaßen: »Das Medium Film muss die kulturellen und künstlerischen Bilder hinterfragen, die traditionell der indigenen Bevölkerung und den ›Caboclos‹ (den Nachfahren von europäischen und indigenen Eltern, Anm. des Verf.) zugewiesen werden.« In der brasilianischen Filmtradition knüpft Andrade an Walter Salles’ Blutfehdedrama Abril Despedaçado (Hinter der Sonne) an: Wo bei Salles der Sertão, also das trockene brasilianische Hinterland, zum lähmenden Feind der Menschen wird, stilisiert Andrade den Amazonasdschungel als bedrohliches Panoptikum, das seine Besucher gar zu spirituellen Riten hinreißt, aber sorgfältig verschlingt wie eine fleischfressende Pflanze, die sich zeitlupenhaft an Insekten verköstigt.

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