Kritik zu Florence Foster Jenkins

© Constantin Film

2016
Original-Titel: 
Florence Foster Jenkins
Filmstart in Deutschland: 
24.11.2016
L: 
111 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Stephen Frears erzählt die unglaubliche, aber wahre Geschichte einer legendären Möchtegernopernsängerin, die trotz oder wegen ihres grauenhaften Gesangs zum Darling der New Yorker Gesellschaft aufstieg

Bewertung: 4
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In einer merkwürdigen Koinzidenz kommen innerhalb eines Jahres drei Filme über die Falschsängerin ins Kino: Florence Foster Jenkins war eine New Yorker High-Society-Dame, Musikmäzenatin und schreckliche Sängerin. Meist trat sie im eigenen Musikclub vor Freunden auf. Berühmtheit erlangte sie durch ihr öffentliches Konzert 1944 in der Carnegie Hall. Fast zeitgleich zu Stephen Frears' Tragikomödie, die sich nahe an Jenkins' Leben hält, läuft der Dokumentarfilm »Die Florence Foster Jenkins Story« an. Bereits vor einem Jahr lief mit »Madame Marguerite« eine hinreißende französische Version der wahren Geschichte.

Ist das Interesse dem Boom der Chorfilme geschuldet, in denen das Singen im Sinne von »Die eigene Stimme finden« auch als Therapie erscheint? Jenkins jedoch wusste Zeit ihres Lebens, was sie wollte. Als sie dank eines Erbes aller Sorgen ledig war, konzentrierte sie sich auf das Singen, unterstützt von ihrem ergebenen Lebenspartner St. Clair Bayfield. Er managte Florence' Auftritte, was vorrangig bedeutete, nur handverlesene Gäste einzulassen und ihr die Desillusionierung zu ersparen. Wie in »Madame Marguerite« ist die Handlung in »Florence Foster Jenkins« die Chronik einer angekündigten Katastrophe und läuft auf die befürchtete Demütigung der Möchtegerndiva bei dem öffentlichen Konzert hinaus.

Frears konzentriert sich auf das Charakterdrama und macht Hugh Grant in einer ambivalenten Rolle als Kostgänger von Florence, der mit einer Geliebten ein Doppelleben führte und zugleich als liebender Kümmerer Florence vor der Realität schützte, zum ansehnlichen zweiten Hauptdarsteller. Meryl Streep als liebenswürdig-entschlossene Matrone in wahnwitzig kitschigen Kostümen ist auch als Sängerin, die stets knapp danebenliegt, ein echter Heuler. Wenn Florence' Filmporträt mit tragischen Details ergänzt wird – so litt sie, nachdem sie von ihrem ersten Ehemann mit Syphilis angesteckt worden war, zeitlebens unter Quecksilbervergiftung –, ist dies ohne Sentimentalität inszeniert. Und wenn sie voller Inbrunst die Arie der Königin der Nacht aus Mozarts »Zauberflöte« massakriert, ist ihr Gesang ebenso haarsträubend wie rührend. Als »comic relief« dient Simon Helberg (»The Big Bang Theory«) als Florence' neu angeheuerter Pianist Cosmé McMoon. Seine erschrockene erste Reaktion auf ihren Gesang und sein Versuch, sein Gesicht unter Kontrolle zu bekommen, sind unbezahlbar.

Leider unterschlägt der unterhaltsame Film interessante Fragen, die in der bissigeren »Madame Marguerite«-Version angerissen wurden. Die Faszination etwa, die Florence auf Fans wie Cole Porter ausübte, wurde da mit dem subversiven Camp-Charakter ihres Gesangs erklärt. Überhaupt: Wer bestimmt in einer Welt, in der anderswo die Disharmonien der Chinesischen Oper als Nonplusultra künstlerischen Ausdrucks gelten, was Kunst ist, was Wohlklang? In Frears' Drama hat das Singen als Ausdruck purer Lebenskraft letztlich denselben evangelischen Impetus wie in den Chorfilmen. Und anders als »Madame Marguerite« besteht der Brite auch darauf, dass man sich Exzentriker wie Florence als glückliche Menschen vorstellen soll.

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