Kritik zu Fliege in der Asche

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2009
Original-Titel: 
La mosca en la ceniza
Filmstart in Deutschland: 
05.06.2014
V: 
L: 
98 Min
FSK: 
12

Gemeinheit und Gleichgültigkeit als gesellschaftliche Befindlichkeiten: Auch in ihrem zweiten Spielfilm wirft Gabriela David einen pessimistischen
Blick auf ihre argentinische Heimat

Bewertung: 4
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Mit dem preisgekrönten Festivalerfolg Taxi – Eine Nacht in Buenos Aires inszenierte die Filmemacherin im Jahr 2001 ein Roadmovie, in dem die Lichter der Großstadt kalt und feindselig auf die Gesichter ihrer Bewohner fielen. Von dieser schillernden Ästhetik ist Gabriela Davids letzter Film – sie verstarb 2010 im Alter von fünfzig Jahren – zwar weit entfernt, ihre Diagnose der Zustände in ihrer Heimat aber ist unverändert.

Die Fliege in der Asche spielt größtenteils in dem klaustrophobischen Ambiente eines heruntergekommenen Bordells in Buenos Aires, wo die Türen verschlossen und die Fenster blind sind. Dorthin werden Nancy (María Laura Caccamo) und Pato (Paloma Contreras), zwei junge Frauen aus einer armen ländlichen Region im Norden Argentiniens, mit falschen Versprechen gelockt. Nancy ist eine naive Analphabetin, die ländlichen Mythen nachhängt und glaubt, dass man tote Fliegen, wenn man sie mit Asche bestreut, wieder zum Leben erwecken kann. Die selbstbewusste Pato träumt davon, einmal studieren zu können. Sie ist es auch, die sich gegen die Ansinnen der stumpfen Bordellbesitzerin und des stets betrunkenen Zuhälters wehrt und dafür brutal zusammengeschlagen wird. Nancy dagegen versucht, sich zu arrangieren, und schöpft Hoffnung auf Rettung, als ein Freier ihr Hilfe verspricht.

Anders als in ihrem dramaturgisch vielfach gebrochenen und auch optisch mäandernden Erstling erzählt Gabriela David in Die Fliege in der Asche eine geradlinige Geschichte. Aus der Not eines offenkundig knappen Budgets macht sie eine ästhetische Tugend, wenn sie sich – in Form eines beklemmenden Kammerspiels – in die Hinterzimmer der Gesellschaft begibt. Der Film verzichtet dabei auf drastische Bilder von sexuellem Missbrauch, aber er zeigt deren Folge, die existenzielle Verlassenheit der Mädchen, auf deren Hilferufe niemand reagiert. Weder die Familien auf den benachbarten Balkonen noch der Blumenhändler auf der anderen Straßenseite oder der Barbesitzer, der selbst Kunde des Bordells ist. Als das Haus von der Polizei geräumt wird, schauen sie alle teilnahmslos zu.

Die Fliege in der Asche hat in den realistischen Eingangssequenzen und in diesem wie beiläufig beobachteten Schlusstableau seine stärksten Momente. Zwischenzeitlich nimmt der Film eine allzu deutliche Wendung ins Symbolische, wenn etwa mit der Legende von der Fliege, die wieder ins Leben findet, ein Moment der Hoffnung in der ausweglosen Situation der jungen Frauen aufscheint. Bezeichnenderweise ist es nicht die rationale, rebellische Pato, die den entscheidenden Befreiungsversuch unternimmt, sondern die intuitiv handelnde, vermeintlich zurückgebliebene Nancy. Die Tendenz, die Geschichte zu einer universellen Parabel über sexuelle Ausbeutungsverhältnisse zu machen, nimmt dem Film aber einiges von seiner Tiefenschärfe.

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