Kritik zu Exit Marrakech

© Studiocanal

2013
Original-Titel: 
Exit Marakech
Filmstart in Deutschland: 
24.10.2013
Musik: 
L: 
122 Min
FSK: 
6

Rückkehr nach Afrika: Zwölf Jahre nach dem Oscar-Gewinner »Nirgendwo in Afrika« wird in Caroline Links neuem Film Marokko zum Schauplatz eines Vater-Sohn-Konflikts

Bewertung: 3
Leserbewertung
3.2
3.2 (Stimmen: 5)

Erleb mal was«, rät der von Josef Bierbichler gespielte Schulleiter seinem in letzter Zeit mürrisch und desinteressiert wirkenden Schüler Ben zu Beginn der Ferien in einer arg programmatisch angelegten Prologszene. Doch der 16-jährige Ben (Samuel Schneider) fliegt eher unwillig nach Marrakech, wohin ihn sein Vater Heinrich (Ulrich Tukur) eingeladen hat, ein vielbeschäftigter Theaterregisseur, der dort bei einem Festival Schiller inszeniert. Seit vielen Jahren leben Bens Eltern getrennt, Vater
und Sohn haben sich lange nicht gesehen. Trotz seiner Einladung scheint Heinrich auch kaum an Ben interessiert, während Ben sich längst in seinem Groll gegen den ewig abwesenden Vater eingerichtet hat und nicht versteht, wieso der mit seiner »ewigen Klassikerscheiße « auch noch den afrikanischen Kontinent behelligt.

Als die beiden am Pool des Hotels sitzen und Ben in einem Versuch der Annäherung vorschlägt, gemeinsam die Stadt zu erkunden, lehnt Heinrich ab. Er lese lieber Paul Bowles, denn: »Manchmal ist die Fantasie spannender als die Realität« – für Ben der Auslöser, loszuziehen und das Gegenteil zu beweisen. Gemeinsam mit Bens Blick öffnet sich nun auch der Blick des Films, bei dem Caroline Link nach Nirgendwo in Afrika erneut mit Produzent Peter Herrmann zusammengearbeitet hat. Er löst sich von anfänglich eher touristisch-pittoresken Bildern vom Gewimmel auf Märkten und Altstadtgassen und lässt sich auf Entdeckungen und Begegnungen ein.

Es ist eine der großen Stärken von Caroline Link, dass sie allen Figuren mit größter Aufmerksamkeit und Respekt begegnet. Nicht nur die Hauptrollen, sondern auch marokkanische Nebenfiguren in Kurz- und Kürzest-Auftritten erscheinen als individuelle Charaktere voller Ambivalenzen, was gerade eher beiläufige Szenen spannend macht. Ebenso ist das Land Marokko hier nicht bloß Kulisse für ein deutsches Familiendrama, sondern eigenständiger Protagonist, dessen Eigenarten auf die Geschichte einwirken. Kamerafrau Bella Halben setzt Schönheit wie Fremdheit des Landes und der maghrebinischen Kultur in berückende Bilder, verzichtet dabei aber auf alle Postkartenidyllen.

Wie klischeehaft hätte dieser Film mit seiner vertraut klingenden Story werden können – etwa wenn Ben sich ins Nachtleben von Marrakech stürzt, eine junge Prostituierte namens Karima (Hafsia Herzi, bekannt aus Couscous mit Fisch) kennenlernt, sich in sie verliebt und mit ihr in die Berge zu ihrer Familie fährt, ohne seinen Vater zu informieren – was Heinrich in Panik versetzt und ihn nach dem verlorenen Sohn suchen lässt. Wie banal könnte nun auch die Wiederbegegnung von Vater und Sohn ausfallen, ihre Sticheleien und Kämpfe, ihre Annäherung beim gemeinsamen Kiffen, bis das Drama in einem Zwischenfall auf Leben und Tod kulminiert. Doch Exit Marrakech erstickt nie in Konventionen, obwohl er Schwächen aufweist, die genau dies bewirken könnten: die kaum notwendige und etwas dick aufgetragene Zuspitzung der Ereignisse gegen Ende, Papiergeraschel im einen oder anderen Dialog sowie eine Musik, die allzu oft allzu ostentativ den emotionalen Gehalt einer Szene unterstreicht.

Glücklicherweise hat aber das wunderbare Ensemble genug Raum für Differenzierung und leise Töne. Zudem unterläuft der Film manche Erwartung, etwa wenn Bens und Karimas Liebesgeschichte sich so völlig anders entwickelt, als man zunächst vermuten könnte. Auch Bens Trip in die Wüste führt nicht zur mystischen Erfahrung von Weite und Einsamkeit, gar zu plötzlicher Selbstfindung – Ben schnappt sich lieber ein paar Ski und rast damit die Dünen hinab. Überhaupt ist seine Figur ungewöhnlich angelegt: So gutaussehend und selbstsicher er daherkommt, trägt Ben doch seine Kindheit noch in Form einer Zahnspange mit sich herum, und dass er Diabetiker ist, mag zunächst nur wie ein oberflächliches Accessoire seiner Verletzlichkeit wirken, spielt aber im Verlauf der Geschichte noch eine wichtige Rolle.

Das Schönste an diesem Film aber sind die Phasen, in denen er jede kalkulierte Dramaturgie von Coming-of-Age links liegen zu lassen scheint, um genau wie seine Hauptfigur ins Offene, Unbekannte zu driften und dort erst zu entdecken, wie es weitergehen könnte.

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