Kritik zu Einfach das Ende der Welt

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In seinem siebten Spielfilm adaptiert Xavier Dolan ein Theaterstück, dessen Familienthematik wie angegossen zu den bisherigen Dramen des frankokanadischen Wunderkindes passt

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Vor zwölf Jahren hatte sich Louis (Gaspard Ulliel) in die Großstadt abgesetzt. Jetzt, mit 34 Jahren, kehrt er zum ersten Mal in seine alte Heimat in der Provinz zurück. Aufgeregt wird er, der erfolgreiche schwule Autor, von seiner Mutter (Nathalie Baye), seiner jüngeren Schwester Suzanne (Léa Seydoux), dem älteren Bruder Antoine (Vincent Cassel) und dessen Ehefrau Catherine (Marion Cotillard) erwartet.

Es ist angerichtet: Familienessen haben im Kino eine gute schlechte Tradition. Lang gärende Ressentiments, die beim erzwungenen Zusammenglucken aufbrechen wie Eiterpickel, bieten fantastische dramatische Möglichkeiten. Und meist hat dieser Prozess, in dem verschwiegene Geheimnisse ans Licht kommen, eine reinigende Wirkung. 

Dieses Drama dagegen spielt auf fast sadistische Weise mit dieser Erwartung, nur um die Hoffnung auf die erlösende Enthüllung zu enttäuschen. So lockt das frankokanadische Regiewunderkind Xavier Dolan den Zuschauer erneut in eine Schwitzhütte der Emotionen – die sich jedoch, anders als etwa in seinem hochemotionalen Drama »Mommy«, als huis clos entpuppt. Die Szenen sind »theatralischer« als in der Theatervorlage von Jean-Luc Lagarce: Wo sich Darsteller auf der Bühne einen gewissen Freiraum erlaufen können, verdichtet Dolan die emotionalen Scharmützel durch Schuss-Gegenschuss-Nahaufnahmen so klaustrophobisch, dass man, wie Louis, ins Schwitzen kommt. Selbst bei einer Fahrt durch das weite Land gibt es kein Entrinnen; das Auto wird zum Gefühlsknast, in dem Louis sich Antoines Wutausbrüchen ausgeliefert sieht.

Doch hat der aggressive Antoine nicht auch recht, wenn er den stillen Bruder attackiert? Der Handwerker fühlt sich dem sensiblen Dichter unterlegen und von dessen waidwunden Blicken provoziert. Tatsächlich aber hat der Heimkehrer gute Gründe für seine Traurigkeit: er ist todkrank und sucht den passenden Moment, es seiner Familie mitzuteilen. Doch sie lassen ihn in ihren egozentrischen Gefühlsausbrüchen nicht zu Wort kommen. Nur die unvoreingenommene, schüchterne Schwägerin merkt es.

»Es ist nur ein Familienessen und nicht das Ende der Welt«, sagt Louis einem Freund am Handy, obwohl es für ihn eben doch das Ende seiner Welt bedeutet. So ist dieses Rededrama, in dem das Wichtige auf halb unbewusste Weise ungesagt bleibt, einerseits eine packende Studie über das Misslingen der Kommunikation. Andererseits erweist sich Dolan erneut als Gefühlsjunkie, der seine Charaktere – hier die Crème de la Crème französischer Schauspieler – als fabelhafte Drama Queens glänzen lässt. Doch diesmal sind sie hysterischer, als es die Logik der Geschichte erlaubt. Untermalt von seufzenden Streicherklängen agiert Gaspard Ulliel als Dolans Alter Ego übertrieben märtyrerhaft; Nathalie Baye ist eine wie ein Transvestit aufgezäumte Übermutter, und Vincent Cassel wütet mal wieder wie auf Koks. So elektrisierend dieser Gefühlszirkus daherkommt, so wirken die Kunststückchen zugleich wie ein Schaulaufen, bei dem Dolan seine aus früheren Filmen bekannten Motive fast karikaturhaft überzeichnet.

Meinung zum Thema

Kommentare

Die Filmkritik von Fr. Roschy trifft es wirklich gut; ich war schon ziemlich enttäuscht von diesem Film. Lag's an der Synchro, lag's daran, dass die Vorlage ein Theaterstück ist? Die Dialoge wirkten doch übertrieben künstlich...

By thev way.... Ich lese gerade ein autobiografisch geprägtes Buch: "Rückkehr nach Reims" von Didier Eribon. Ähnliche Ausgangssituation wie im Film: Ein (homosexueller) Mann, der aus einer armen Arbeiterfamilie in die Stadt "geflohen" ist, kehrt nach vielen Jahren wieder zu seiner Familie zurück. Lesenswert! :-)

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