Kritik zu Ein Atem

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Die Ökonomie ist es, Dummkopf! Christian Zübert kehrt die gängigen Vorstellungen von Griechen und Deutschen in überraschender Perspektive gegen den Strich

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)

In der Eurokrise waren die Rollen klar verteilt. Der böse Geldgeber Deutschland gängelt die sogenannten »Pleitegriechen«. Auf dieses Thema, im Kino bislang kaum aufgegriffen, wirft Christian Züberts neuer Film, zu dem er gemeinsam mit seiner Frau Ipek auch das Buch schrieb, einen originellen Seitenblick. »Ein Atem« schildert die Auswirkungen der Krise aus der Sicht zweier Frauen aus Athen und Frankfurt, die trotz unterschiedlicher ökonomischer Voraussetzungen mit vergleichbaren Pro­blemen kämpfen.

Aufgebaut ist die elegant eingefädelte Geschichte wie eine Spiegelfuge. Der erste Teil, überschrieben mit »Elenas Reise«, schildert im Schnelldurchlauf, wie die junge Griechin Elena (Chara Mata Giannatou) ihren Freund aufgrund der wirtschaftlichen Perspektivlosigkeit ihres Landes verlässt. In Frankfurt hat sie bereits einen Job organisiert, erhält aber aufgrund ihrer Schwangerschaft, von der sie erst in Deutschland erfährt, keine Arbeitserlaubnis. Wohl oder übel schlägt sie sich als Babysitterin eines eineinhalbjährigen Mädchens durch. Ihre Auftraggeberin, die Maisonette-Bewohnerin Tessa (Jördis Triebel), schikaniert ihre finanziell abhängige Nanny mit der blasierten Überheblichkeit einer politisch korrekten Latte-Macchiato-Mutti, die sich in grünem Lifestyle sonnt.

Dieses Aufeinanderprallen der Klassengegensätze bürstet Zübert überraschend gegen den Strich. Der zweite Abschnitt rollt dieselbe Geschichte neu auf, diesmal aus der Perspektive von Tessa, die nach ihrer Babypause um ihre Rückkehr in den Beruf kämpft. Eine jüngere Kollegin, ihre stutenbissige Schwiegermutter und ihr eigener Ehemann fallen ihr dabei übel in den Rücken. Jördis Triebel agiert in diesen Szenen überaus glaubhaft. Die Bilderbuchzicke erhält sympathische Züge – ein darstellerisches Glanzstück. Im stärksten Moment hat sie ihr schreiendes Kind auf dem Schoß. Überlegt und pragmatisch zieht sie sich dabei mit der Pinzette Scherben aus der Hand, die sie im Streit mit ihrem Gatten schwer verletzt haben. Benjamin Sadler gibt ihren schattenhaften Ehemann, der besonders dann unerträglich ist, wenn er nett und verständnisvoll sein möchte.

In der Summe sind die Beobachtungen ungleich präziser als noch in Züberts Sterbedrama »Hin und weg«. Man hat Interesse an den Frauenfiguren, deren Geschichte eine untergründige Spannung entwickelt. Beide wollen nicht von Männern abhängig sein, die nur scheinbar keine Machos sind. Es kommt zur vorsichtigen Annäherung. Doch dann verschwinden das Kind und seine Babysitterin auf rätselhafte Weise. Tessa, nunmehr im Furienautopilot, sucht ganz Athen nach der untergetauchten Elena ab. Obwohl es zu einer ungewollt tragischen Begegnung kommt, verflacht der Film etwas. Beide Frauen, von denen die Charakterisierung der Griechin nicht ganz überzeugt, werden letztlich doch hauptsächlich über Schwangerschaft und Mutterrolle definiert. In einer Geschichte, die sich für ihre weiblichen Figuren spürbar interessiert, wirkt diese Fixierung etwas beengend.

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