Kritik zu Die Wand

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Fernsehregisseur Julian Pölsler hat den 1963 erschienenen Apokalypse-Roman von Marlen Haushofer verfilmt – mit Martina Gedeck als einsamer Überlebender in der Hauptrolle

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3 (Stimmen: 2)

Martina Gedeck überzog ihre Charakterrollen in den letzten Jahren gelegentlich mit dem hypnotisch verschleierten Ausdruck einer Schmerzensmadonna. In »Die Wand«, Julian Pölslers Verfilmung eines legendären Romanklassikers der österreichischen Schriftstellerin Marlen Haushofer, fällt alles Aufgesetzte von der Schauspielerin ab. Ihr Gespür für den existenziellen Ernst der namenlosen Frau im Mittelpunkt kommt ohne Manierismen aus. Langsam und stetig weiß sie ihre Bewegungen an das Leben mit der Natur anzupassen, das sie als eine Robinson-Crusoe-Figur des 20. Jahrhunderts klaglos annimmt.

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Martina Gedeck spielt eine elegante Städterin, die in einem abgelegenen Alpental als einziger Mensch die Apokalypse überlebt. Am Morgen der ersten Nacht in einer Jagdhütte, in der sie das Wochenende mit einem verwandten Ehepaar verbringen wollte, wird die Frau mit dem Unfassbaren konfrontiert. Hinter einer endlosen, unsichtbaren, unüberwindlichen Wand zwischen ihrer Schlucht und dem Rest der Welt versteinerte über Nacht die Zivilisation. Die Frau, die nach den im Dorf eingekehrten Gefährten Ausschau hält, wird durch die gläserne Grenzwand gewahr, dass jenseits davon die Landschaft, Dörfer und Dinge unzerstört erscheinen, während alle Lebewesen im Moment ihrer letzten Regung erstarrten. Warum die Schlucht mit der Jagdhütte vor der Katastrophe bewahrt blieb, ist ein Rätsel. Wie weit sich die rettende Zone über die unzugänglichen Berge erstreckt, ob irgendwo andere Menschen überlebten, bleibt ein gefährliches Risiko für die einsame Frau. Der Roman »Die Wand« erschien 1963, als weltweit Angst vor dem Ausbruch eines Atomkriegs herrschte. Marlen Haushofer griff die Zeitstimmung auf, differenzierte jedoch die Motive ihrer Protagonistin mit unsentimentaler Klarsicht. Der Roman der 1970 verstorbenen Autorin wurde wegen seiner zivilisationskritischen Topoi und seiner starken Hauptfigur zu einem Klassiker feministischer Literatur. »Die Wand« appelliert auf den ersten Blick an klaustrophobische Urängste, entfaltet in diesem Szenario jedoch eine Geschichte der abgeklärten Überlebenskunst, ein Bild nie versiegender Empathie für die Natur, insbesondere die Tiere, die der Heldin zulaufen. Das uneitle minimalistische Spiel von Martina Gedeck steht in Roman Pölslers Inszenierung für diese Hoffnung.

Eindrücklich wandelt sich ihr Äußeres: Die Codes bürgerlicher Weiblichkeit (Absatzschuhe, enge Röcke, hochgestecktes Haar) gibt sie zugunsten einer mehr und mehr geschlechtslosen Erscheinung auf. Auf sich gestellt beginnt sie ein neues Leben als Bäuerin und Jägerin, sichert ihre Bleibe und übernimmt Verantwortung für den Jagdhund Luchs, die Kuh Bella, deren Kalb und zwei eigensinnige Katzen. Mit den kostbaren Überbleibseln der Zivilisation, z. B. Streichhölzern, Gewehrmunition und Kartoffeln zum Auspflanzen, geht sie planvoll um. Die einst vom Leben als Gattin, Hausfrau und Mutter tief enttäuschte Heldin entdeckt ungeahnte Energien in sich: Sie macht Holz, sammelt vitaminreiche Beeren, baut Kartoffeln an, jagt die Wildtiere des Waldes. Sie übersteht schneereiche Winter und baut einen Stall für die Milchkuh.

Das Schreiben wird durch Martina Gedecks Präsenz zum eindrücklichen Überlebensakt. Mit stumpfen Stiften, auf Papier, das im Lauf des Winters zur Neige gehen wird, notiert die Protagonistin die Chronik ihres Überlebens, ihrer Erinnerungen und Gefühle. Ihre Tage als Bäuerin und Jägerin entwöhnen sie der menschlichen Sprache. (Im Übrigen stört keine Filmmusik die Stille ihrer Welt.) Umso packender die introvertierte Stimme der Gedeck, die den Bericht der Heldin im Off erzählt – eine Äußerung, die sein muss, will sie »nicht den Verstand verlieren«.

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»Die Wand« nimmt gängige Motive des Apokalypse-Genres auf. Angst vor der Barbarei, die durch den Zusammenbruch freigesetzt wird, durchzieht viele Erzählungen vom Krieg unter den letzten Menschen. In »Die Wand« fordert ein einzelner Mann, Inbild hirnloser Aggression, die scheinbar zur Ruhe gekommene Frau heraus. Der Tod rückt ihr noch näher, aber das Schreiben, das tägliche Arbeitspensum und nicht zuletzt die Lebenszeichen der sanften Tiere lassen sie nicht aufgeben.

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