Kritik zu Die Spur

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In Agnieszka Hollands Verfilmung ­eines Romans von Olga Tokarczuk setzt sich eine Rentnerin für all die Lebewesen ein, auf die die Dorf­­-
ge­meinschaft Jagd macht

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Im Wald rund um Janina Duszejkos Haus hört das Schießen selten auf. Es kommt noch so weit, dass die Tiere Rache nehmen, mutmaßt die energische Pensionärin (Agnieszka Mandat). Männer in schweren SUVs kreuzen ihren Weg, wenn sie ins nahegelegene Barockstädtchen braust, um Anzeige zu erstatten. Gegen Machtroutine und devote Bräsigkeit aber hat sie es schwer. Weiter ziehen die Autolichter der Jäger durch die nächtliche Hügellandschaft, und das Wild flieht vergeblich vor den Gewehrsalven.

»Die Spur«, Agnieszka Hollands fulminanter Mystery-Thriller um eine zauberhaft überdrehte, zunehmend verzweifelte Ökoanarchistin, führt in die traumschöne Landschaft der polnischen Sudeten. Tiere aller Arten, auch seltene Käfer, gedeihen hier reichlich, aber zu jeder Jahreszeit ist »Saison«, wie Olga Tokarczuks Roman »Der Gesang der Fledermäuse« und ihr mit Agnieszka Holland gemeinsam verfasstes Drehbuch lakonisch notieren.

Die energische Singlefrau findet Tiere, die in verbotswidrig aufgestellten Fallen entsetzlich verendet sind. Ihre Anzeigen ignoriert der Polizeichef, und der mächtige katholische Pfarrer wettert mit reaktionären Bibelsprüchen dagegen. Tiere hätten keine Seele und der Mensch solle sich die Erde untertan machen, lautet sein Credo. Der Waldpächter, ein mafiöser Gernegroß, macht die Felle getöteter Tiere zu Geld und verdient an der Jagdgier, der Spielsucht und Prostitution in dem zurückgebliebenen Landstrich.

Eines Morgens verschwinden Janinas fröhliche Hunde. Mit den Kindern ihrer Englischklasse gestaltet sie die Suche als kuriosen Sprachunterricht und kassiert eine Rüge der Schulrektorin. Janina, ein wuscheliger, an geschniegelter Damenschönheit uninteressierter Freigeist, ist nach Jahren als welterfahrene Brückenbauingenieurin nicht heimisch in dem erzkonservativen polnischen Herrgottswinkel. Es ist, als ob Tokarczuk/Holland und Kasia Adamik, Agnieszka Hollands Tochter und Co-Regisseurin, den universellen Spontigeist der 68er für eine Utopie des Widerstands gegen das postsozialistische, katholisch verbrämte patriarchalische Establishment Polens reanimieren.

Janina düpiert die Machtmänner mit schräger Astrologie, sie unterstützt eine junge Außenseiterin dabei, den Nachstellungen des Jagdpächters zu entkommen, sie freundet sich mit einem jungen Computerfreak an, um Beweise gegen die Jäger zu sammeln, und bekehrt gleich zwei Prachtexemplare des typischen »Testosteron­autismus« alter Männer zu ihren, wenn man so will, Partnern in Crime, den einen als zeitweiligen Bettgenossen, den anderen als Geschichtenerzähler und Dynamitbastler. Die Hauptakteure des Jagdtreibens enden der Reihe nach mörderisch mysteriös, doch die Logik der tierischen Rache erscheint nicht allen im Tal überzeugend, im Gegenteil. Die Spur bleibt konsequent bei der Sympathieträgerin Janina und holt in Flashbacks die Ereignisse ihres mit hellem Wahnsinn betriebenen Kampfes zurück. Was bleibt, ist pures Kino, ein Inbild von Janinas Wunschfamilie der Außenseiter.

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