Kritik zu Der Vorleser

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Regisseur Stephen Daldry, oscarnominiert für »The Hours«, hat Bernhard Schlinks Erfolgsroman verfilmt. In Deutschland, mit einem hervorragenden deutsch-englischen Schauspielerensemble

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Bernhard Schlinks Roman »Der Vorleser« spricht zwei Sprachen. In dem 1995 erschienenen Bestseller erzählt der Autor in sinnlicher, filmisch anmutender Prosa die Geschichte einer Liebe in Deutschland, zwischen der 36-jährigen Hanna und dem 15-jährigen Schüler Michael. Die zweite Tonlage des Buches ist intellektuell, distanziert, analytisch. Nach dem gemeinsamen Sommer Ende der fünfziger Jahre verschwindet Hanna, Michael trifft sie erst als Jurastudent wieder. Er besucht 1966 einen Prozess gegen sechs ehemalige KZ-Wärterinnen, die für »Selektionen« und Mord verantwortlich waren; Hanna ist eine von ihnen. Schlinks Ich-Erzähler reflektiert im zweiten Teil des Romans das Verhältnis der Nachgeborenen zur Elterngeneration, die Verstrickung der kleinen Leute, die Frage nach kollektiver Schuld und individueller Verantwortung, nach Gesetz und Moral.

Regisseur Stephen Daldry und sein Drehbuchautor David Hare beharren auf der Autonomie des Mediums Film. Sie konzentrieren sich auf die Lovestory und ihre existenziellen Erschütterungen. Der historisch-philosophische Diskurs spielt hier nur eine Nebenrolle. Chris Menges' und Roger Deakins' Kameras zeigen Gefühle und Gesichter in Großaufnahme. In ihrem Bemühen um Ernst und packendes Pathos gehen die Filmemacher bis an die Grenze des Melodrams, der Komponist Nico Muhly liefert dazu die elegisch-verhangene Musikbegleitung. »Der Vorleser« zielt auf das große Publikum, und in fast jeder Szene denkt er an die Mitglieder der »Academy«, die über die Oscars abstimmen.

Dass die Rechnung weitgehend aufgeht, liegt an den Schauspielern und an Daldrys sorgfältiger Regie. Hare, mit dem Daldry bereits bei »The Hours« zusammengearbeitet hat, schreibt ökonomisch. Der Drehbuchautor weiß um die Kraft der Bilder, die Menschen besser erklären als viele Worte. Der Film umfasst vier Jahrzehnte. David Kross spielt den jungen Michael, Ralph Fiennes verkörpert ihn als Erwachsenen. Zu Beginn sieht man Fiennes, wie er ein Frühstück akkurat anrichtet. Er ist ein Mann, der sich hinter Äußerlichkeiten versteckt, unfähig, sich zu offenbaren, geschweige denn zu erklären. Selbst für seine Tochter bleibt er ein Fremder.

Die Rückblenden erhellen, woran dieser Mann mit dem hochmelancholischen Auftreten leidet. Er ist das Opfer seiner ersten Liebe. Es gab für Michael die schönen Zeiten, als er die Straßenbahnschaffnerin Hanna dabei beobachtete, wie sie ihren BH bügelte, ihre Nylonstrümpfe anzog und ihn schließlich einlud, »im Inneren des Körpers die Welt zu vergessen«, wie es Schlink formuliert hat. Doch so nah Michael ihr kam, Hanna blieb ein Rätsel: erst liebevoll, dann plötzlich launisch, hart, befehlsgewohnt. Kate Winslet leiht ihrer Figur ein widersprüchliches Gesicht, sie offenbart sich weder ihrem jungen Liebhaber noch dem Zuschauer ganz, bewahrt Geheimnisse. Kross und Fiennes als Michael kommen von dieser rätselhaften Frau nicht los. Aber sie müssen sich fragen: Ist Hanna ein Monster, verkörpert sie die Banalität des Bösen?

Was sie sich im Leben versagt, lebt Hanna im Kontakt mit der Literatur aus. Michael wird ihr Vorleser, seine Stimme und die Macht der Worte können Hanna zu Tränen rühren. Da erlaubt sie sich Emotionen, die sie im Leben unter Verschluss hält. David Kross stellt einen Jungen dar, der zuerst Spaß am Geheimnis-Charakter seiner Affäre hat. Das Verspielte und die juvenile Unbedarftheit verlieren sich schnell. Michael altert gleichsam im Zeitraffer, am Ende verliert er vollkommen die Fähigkeit zur Offenheit. Fiennes kann Gefühlsinvalide, die in Krisensituationen zu implodieren drohen, mit ungeheurer Intensität darstellen. In diesem Film tut er nichts anderes – man muss schon ein großer Fiennes-Fan sein, um das nonstop zu ertragen.

Insgesamt überzeugt das deutsch-englische Ensemble. Bruno Ganz verkörpert den altersweisen Rechtsprofessor Rohl, der im Dialog mit seinen Studenten den Zusammenhang zwischen Zeit- und Gesetzesgeschichte erkundet. Einen wunderbaren Auftritt hat Matthias Habich als Michaels Vater. Ein Mann wie aus einer anderen Welt, einer, der dem Familienalltag am liebsten den Rücken kehrt. Selten bleibt ein Mann, der so wenig sagt, so nachhaltig in Erinnerung.

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