Kritik zu Der Diktator

© Paramount Pictures

Wenn ein Film dem nordkoreanischen Autokraten Kim Jong Il gewidmet ist, kann er eigentlich nur von Sacha Baron Cohen sein. So weit, so gut. Neu ist: Baron Cohen stellt nicht mehr so viele Fragen

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Der naiv anmutende, aber ungemein bissige Komiker Sacha Baron Cohen hält seit nunmehr zehn Jahren mit seinen entgleisten und erfrischend respektlosen Mockumentary-Lausbubenscherzen der Mediengesellschaft den Zerrspiegel vor. Er war der Möchtegern-Gangsta-Rapper in Ali G in da House (2002), er war der dreiste kasachische Fernsehreporter in Borat (2006), und er machte Heidi Klum als stockschwules Top-Model Brüno (2009) Konkurrenz. Was in diesen Pseudodokumentationen tatsächlich echt und was inszeniert war, ließ sich in den meisten Fällen nicht entscheiden. Aber eins stand fest: Jeder Gesprächspartner, der Cohen und seinem Regisseur Larry Charles vor die Kamera lief, wurde zur Belustigung des Publikums gnadenlos bloßgestellt.

Um seinen neuesten Streich Der Diktator wirkungsvoll zu bewerben, ließ sich Baron Cohen bei der letzten Oscar-Verleihung auf dem roten Teppich als Generaloberst Aladeen in voller Diktatoren-Montur blicken. Dabei hatte er eine goldene Urne mit der Asche seines kürzlich verstorbenen Freundes Kim Jong Il, die er ganz »aus Versehen« über dem ahnungslosen News-Reporter Ryan Seacrest entleerte. Der »geliebte Führer« aus Nordkorea war bekanntermaßen ein großer Filmfreund und hatte immer den Wunsch, zu den Oscars nach Hollywood zu kommen. Der Diktator ist ihm nun in liebevoller Erinnerung gewidmet. Solche gezielt geschmacklosen Werbemaßnahmen gehören zu dem Gesamtpaket des Films und sind nötig, weil der Schauspieler Sacha Baron Cohen prinzipiell keine Interviews gibt, um sich und seine schmerzhaft lebensechten Kunstfiguren zu schützen.

Unter dem scheinheiligen Vorwand, in seinem diktatorisch geführten Land Wadiya umfassende Reformen zur Demokratisierung durchzuführen, kommt der Führer Generaloberst Aladeen (eine dummdreiste Mutation aus Saddam Hussein, Mahmud Ahmadinedschad und Osama Bin Laden) nach New York City, um vor den Vereinten Nationen zu sprechen. In Wirklichkeit will Aladeen sich aber über den gutgläubigen Westen lustig machen, für sein umstrittenes Atomprogramm werben und seine Macht demonstrieren. Doch dann wird er entführt und durch einen noch dümmeren Ziegenhirten als Doppelgänger ersetzt. Aladeen kann fliehen und findet Unterschlupf in einem alternativen Bio-Lebensmittelladen wo er sich in die kurzhaarige Geschäftsführerin (Anna Faris) verliebt, die er zuerst für einen kleinen Jungen hält.

Der Diktator ist mit nur 83 Minuten Laufzeit ein dramaturgisch zugespitztes Gagfeuerwerk, das allerdings weniger mit Borat als mit der Nackten Kanone gemein hat. Baron Cohen und Charles verlassen die unberechenbaren Pfade der Mockumentary und liefern lediglich einen inszenierten Spielfilm, der mit Schauspielern wie Ben Kingsley, Megan Fox und John C. Reilly prominent besetzt ist. Der anarchische Charme des Guerilla-Filmemachens versickert im derben, aber harmlosen Fäkalhumor. Höchstens die echten Diktatoren dieser Welt könnten sich vielleicht von der viel zu liebenswerten Witzfigur Aladeen auf den Schlips getreten fühlen und nicht über ihn lachen können und wollen.

Sicher ist Der Diktator eine vergnügliche Polit-Satire mit aufklärerischem Anspruch. Dem Film fehlt aber das umstürzlerische Potenzial, die Konsequenz, von Der grosse Diktator. Sacha Baron Cohen ist längst bekannt wie ein bunter Hund, und seine potenziellen Opfer sind bei seinem Erscheinen vorgewarnt. Deshalb blieben schon bei Brüno die Spontanität und Brisanz seiner Aktionen auf der Strecke.

Baron Cohen ist mit seinem Konzept der entwaffnenden Respektlosigkeit am Ende. Er tut also gut daran, sich für die Zukunft auch als ordentlich kontrollierbarer Schauspieler zu etablieren. In Tim Burtons Grusel-Musical Sweeney Todd wetzte er als dämonischer Barbier Pirelli sein Rasiermesser. In Martin Scorseses Hugo Cabret war er der grimmige Stationsvorsteher mit dem bissigen Hund. Und selbst wenn mit Der Diktator seine Tage als anarchistisches Chamäleon gezählt sein sollten, Sacha Baron Cohen wird uns sicher weiterhin munter auf der Nase herum tanzen.

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