Kritik zu Daniel Schmid – Le chat qui pense

© Salzgeber

2010
Original-Titel: 
Daniel Schmid – Le chat qui pense
Filmstart in Deutschland: 
02.09.2010
L: 
83 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Man wünscht sich, man hätte ihm schon zu Lebzeiten mehr zugehört: Pascal Hofmann und Benny Jaberg porträtieren den vor vier Jahren verstorbenen Schweizer Filmemacher Daniel Schmid

Bewertung: 3
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»Was heißt schon Wahrheit in einem Leben?« Dieser Satz fällt relativ spät in dem Daniel-Schmid-Porträt »Le chat qui pense«, doch kommt diesem Bekenntnis in der Arbeit des Schweizer Filmemachers eine zentrale Bedeutung zu. Schmid zeigte nie sonderliches Interesse an höheren Wahrheiten, er war stets auf der Suche nach einem sinnlichen Zugang zu den Menschen und Dingen, die auf ihn eine Faszination ausübten. So gleicht Schmids filmisches Werk in sich schon einem biografischen Korpus, an dem man sich abarbeiten kann. Ursprünglich hatten die Filmemacher Pascal Hofmann und Benny Jaberg für ihren Abschlussfilm eine Zusammenarbeit mit Schmid geplant, doch 2006 geriet das Projekt durch dessen plötzlichen Tod ins Stocken. Dank der Unterstützung einiger von Schmids engsten Wegbegleitern konnten sie ihren Film schließlich fortsetzen.

Und »Daniel Schmid – Le chat qui pense« fügt sich auf magische Weise in Schmids Gesamtwerk ein. Hofmann und Jaberg entwickeln einen assoziativen Fluss aus Bildern, Erinnerungen und Gedanken, die den Zuschauer der Poetik Schmids nahebringen. Schmid ist wie der kürzlich ebenfalls verstorbene Werner Schroeter, der im Film reichlich zu Wort kommt, sein Leben lang ein Außenseiter im Neuen Deutschen Film geblieben: eigenwillig, oft missverstanden, manchmal auch auf liebenswerte Weise verblendet. Aber er war auch großzügig und empathisch, das wird nochmals in einigen älteren Interviews deutlich. Da erzählt der große Exzentriker des Schweizer Kinos, der trotz seiner Liebe zu seinem Geburtsland im Herzen immer ein Kosmopolit geblieben ist, mit einer zärtlichen Brüchigkeit in der Stimme (die er nach einer Kehlkopfkrebsbehandlung fast verloren hätte) von seiner Vorstellung von Kino und den Menschen, die es am Leben erhalten, von seiner Liebe zum expressionistischen Kino der Weimarer Zeit, der Oper und dem Mysterium der Oberflächen, dem Schein der Dinge. Entsprechend auch seine Rede, als er vor zehn Jahren in Locarno den Ehrenpreis für sein Lebenswerk in Empfang nahm: Da dankte er allen, die ihn auf seinem Weg begleitet haben. Im Grunde wollte er nur, wonach sich jeder Künstler insgeheim sehnt: die Anerkennung und Liebe seiner Mitmenschen. Im Porträt sagt Schmid einmal, dass es wichtig ist, sich seine Kindlichkeit zu bewahren. Er selbst ist im Grunde immer der kleine Junge geblieben, der im Hotel seiner Eltern, in der Einsamkeit der Schweizer Berge, durch die Flure schlich und imaginäre Welten erfand.

Hofmann und Jaberg maßen sich nie an, Schmid zu interpretieren. Er bleibt auch in seinem (sozusagen) letzten, posthumen Film Herr über seine Erzählung. Nur manchmal meinen sie es in ihrer Verehrung etwas zu gut mit ihm; dann wird Schmids Liebe zu Kitsch und Pathos durch lange Zeitlupeneinstellungen mitunter arg verklärt. Wirklich schade ist, dass sie sich dafür entschieden haben, sein Leben chronologisch zu betrachten. Das ist fast etwas zu profan für einen Filmemacher, dessen Arbeit von großer Offenheit geprägt war.

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