Kritik zu Blau ist eine warme Farbe

© Alamode

Die Verleihung der Goldenen Palme an diese ungewöhnliche Liebesgeschichte hat in Cannes niemanden überraschen können: ein Meisterstück des Autorenkinos, das nichts wäre ohne seine großartigen Hauptdarstellerinnen

Bewertung: 5
Leserbewertung
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3 (Stimmen: 9)
Es blieb für den Film Blau ist eine warme Farbe nicht viel Zeit, in der er einfach nur ein Film sein durfte. Nach seiner Premiere in Cannes wurde er augenblicklich zum Favoriten der Festivalbesucher, zu einem rasend schnell ausgewachsenen Phänomen. Am letzten Abend des Fes­tivals wurde er sodann zum Palmengewinner. Und am Morgen danach zu einem Zankapfel.
 
Julie Maroh, die Autorin des grafischen  Romans, an den sich Abdellatif Kechiches Film anlehnt, bezeugte in ihrem Blog die Kränkung, dass der Regisseur in seiner Dankesrede ihre Urheberschaft unterschlagen hatte. Einige Mitglieder des Teams beklagten sich über die ausbeuterischen Bedingungen, unter denen die Dreharbeiten offenbar stattgefunden hatten. Auch die beiden Hauptdarstellerinnen beschwerten sich heftig über ihren Regisseur, von dem sie sich ausgenutzt und entblößt fühlten. Marohs Vorwurf, die Darstellung lesbischer Erotik sei unrealistisch, mithin eine reine Männerfantasie, wurde vielfach aufgegriffen; gewiss nicht nur reflexhaft. Der derart in die Defensive gedrängte Regisseur redet sich seither um Kopf und Kragen: Kurz vor dem französischen Start seines Films forderte er gar, ihn nicht herauszubringen, nachdem er so sehr in den Schmutz gezogen wurde. 
 
Die Prismen, durch die er bereits im Vorfeld betrachtet wurde, sind so zahlreich, dass sie einen unbefangenen Blick auf ihn unmöglich erscheinen lassen: Kann Blau ist eine warme Farbe nun überhaupt wieder einfach nur ein Film werden? Vielleicht hat ja auch dieser Text am falschen Ende begonnen. Die Vorwürfe, die gegen seinen Regisseur gerichtet sind, kann er nicht entkräften. Aber Kechiches Film kann sich sehr gut selbst verteidigen. 
Die Wucht, die er behutsam ungestüm in einer Laufzeit von fast drei Stunden entwickelt, ist immens. Sein Gegenstand und sein Erzählgestus sind die Intimität. Er handelt vom Glück einer Liebesbegegnung und vom Triumph der Sinnlichkeit über Zweifel und Zögern: gerade so, als habe er seine Kritiker bereits im Voraus entwaffnen wollen.
 
Als Adèle (Adèle Exarchopoulos), eine Schülerin aus der Vorstadt von Lille, eines Tages auf der Straße den Blick einer Unbekannten (Léa Seydoux) erwidert, trifft es sie wie ein Blitzschlag. Diese rebellische Fee mit blaugefärbten Haaren hält eine andere Frau innig umarmt. Adèle fasst sich ein Herz und sucht sie in den einschlägigen Nachtclubs. Tatsächlich finden sich die beiden Frauen. Emma ist Kunststudentin und wartet alsbald vor der Schule auf Adèle. Sie macht ihr den Hof. Ihren Gefühlen zu folgen, bedeutet für Adèle einen Kreuzweg; ihre Kameradinnen beschimpfen sie. Aber das Begehren und die Wissbegierde, die zwischen Emma und Adèle zirkulieren, sind stark. Vor dem ersten Kuss sprechen sie über Sartre und Bob Marley. Die Initiation, von der Kechiche erzählt, ist umfassend, sie betrifft jeden Aspekt des Lebens.
 
Marivaux steht Pate bei dieser Chronik einer Herzensbildung. Der Originaltitel (La Vie d’Adèle, chapitres 1&2) verweist auf einen Bildungsroman des Autors. Das muss nicht überraschen bei diesem Regisseur, der seit Voltaire ist schuld beharrlich die Gültigkeit der französischen Klassiker für die Gegenwart überprüft. Bei Marivaux stellt die Entdeckung der Liebe die sozialen Strukturen stets in Frage. Adèle und Emma gehören unterschiedlichen Schichten an. Aber der Bildungsvorsprung der Älteren reißt keine Kluft auf, sondern dient der Jüngeren als Ansporn. Kechiche strukturiert ihre Liebesgeschichte in sanfter Symmetrie: Adèle macht alle wichtigen  Erfahrungen zweimal, angefangen mit dem ersten Kuss, den sie einer Frau schenkt. In die Intimität weiht der Film sein Publikum ein, lange bevor er seine Liebenden beim Sex zeigt. Wie Adèle im Schlaf schwer und unruhig atmet, schafft bereits eine ungeheure Vertraulichkeit. 
 
Kechiche filmt das Glück, das sie sich gegenseitig bereiten, als sinnlichen Rausch. Eine lange Passage im Zentrum des Films ist ganz der Genussfreude gewidmet: Die langen, expliziten Liebesszenen wechseln sich ab mit einem Essen, bei dem Adèle die Wonnen des Austernessens entdeckt und einem Geburtstag, der mit Champagner begangen wird. Das zweite Kapitel setzt einige Jahre später ein, als beide zusammengezogen sind, Adèle sich ihren Wunsch erfüllt hat, Lehrerin zu werden und Emma ihre Karriere als Malerin vorantreibt. Die Leidenschaft droht zu erlöschen, ein Seitensprung beschwört eine Krise herauf.
 
Die Vorwürfe, denen sich Regisseur Kechiche ausgesetzt sieht, betreffen im Kern die Legitimation der Autorenschaft: Wie weit darf ein Filmemacher in der Hingabe an seine Vision gehen, welche Opfergaben darf er von seinen Mitarbeitern fordern? Allem öffentlichen Tumult zum Trotz geht man nicht fehl, Blau ist eine warme Farbe als ein Geschenk zu betrachten, das die Beteiligten sich gegenseitig gemacht haben. Adèle Exarchopoulos und Léa Seydox sind beide berückend; Sofian El Fanis Kamera begleitet sie in liebevoll agiler Konzentration. Kechiche ist sowohl seinen Figuren als auch ihren Darstellerinnen zärtlich zugeneigt. Auch um ihretwillen hat er gut daran getan, Julie Marohs Vorlage zu verraten. Darin war Adèle (die in der Graphic Novel Clémentine heißt) die Entschlossenere und Emma die Furchtsamere, die Zögernde. Kechiche hat zugelassen, dass Begabung und Temperament der Schauspielerinnen die Charaktere verwandelt. Bei Maroh stirbt Clémentine am Ende. Aber der Kinogänger darf die sachte Hoffnung hegen, dass es im Leben von Adèle noch ein drittes und viertes Kapitel geben könnte.

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