Kritik zu Big Eyes

© Studiocanal

2014
Original-Titel: 
Big Eyes
Filmstart in Deutschland: 
23.04.2015
R: 
S: 
Musik: 
L: 
106 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Warum sind Künstler erfolgreicher als Künstlerinnen? Diese uralte Frage bringt Tim Burton am Beispiel der wahren Geschichte von Margaret D. H. Keane, die heute 87 Jahre alt ist, in allen Facetten und Farben auf die Leinwand

Bewertung: 3
Leserbewertung
2
2 (Stimmen: 3)

Das traumverlorene Flair von Hitchcocks Vertigo liegt über den ersten Filmbildern. Eine verwunschene Farbpalette von Türkis bis Jadegrün, die sich mit dem Rot der Golden Gate Bridge aufs Schönste komplementieren lässt. Aber was hat die malende Hausfrau Margaret ­Keane (Amy Adams) mit Hitchcocks Männerfantasie Madeleine gemein? Die Antwort heißt: Missbrauch! Als Begleitmusik starrt der Horror Vacui unmissverständlich aus den ausdruckslosen Augenhöhlen der Kinder, dem zeitlebens einzigen Motiv der Hobbymalerin. Das ungemütliche Gefühl ist wieder da, wenn die frisch geschiedene Margaret auf dem Künstlermarkt in San Francisco den aufdringlichen Standnachbarn Walter (Christoph Waltz) kennenlernt, der nicht nur impressionistisch anmutende Pariser Straßenszenen feilbietet, sondern auch die begabte Porträtmalerin mit Bewunderung überschüttet und sie bald zum Traualtar führt.

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Walter Keane hat zeitlebens kein Bild zustande gebracht, er war nicht einmal ein Sonntagsmaler, hat Paris nie aus der Nähe gesehen. So lauten die Fakten, denn es handelt sich um eine wahre Geschichte. Keane war allerdings ein Marketinggenie, der die ablehnenden Galerien links liegen ließ und das Geschäft in die eigenen Hände nahm, um die Welt mit Postern, Postkarten und Merchandisingprodukten zu überschwemmen. Im Angebot waren einzig und allein die Bilder seiner Frau, die verlorenen Kinder mit den großen Rehaugen – ein Hype auf dem Kunstmarkt. Aber damit nicht genug. Er trat eben auch noch selbst als der Schöpfer dieser Bilder auf und ließ sich als der Künstler Keane in Öffentlichkeit und Fernsehen feiern. Kaum zu glauben, aber wahr. Da fragt man sich allerdings, wie es dazu kommen konnte, dass sich die junge Frau die Autorschaft von ihrem Ehemann einfach aus der Hand nehmen ließ? Dass sie wie eine Leibeigene jahrelang auf dem Dachboden wahre Frondienste leistete, um Tausende von Bildern mit dem einen, nur wenig abgewandelten Motiv der tristen Kinder zu malen. Dass sie mit der Zeit ganz zu vergessen schien, dass sie es war, die alle diese Werke im Schweiße ihres Angesichts produzierte. Der Film versucht gar nicht erst, darauf eine Antwort zu finden. Er verlässt sich – was schließlich Tim Burtons Markenname ausmacht – auf den schrillen Unterton, die Schauwerte eines Gegensatzpaaars: der ex­trovertierte, später zu aggressiven Ausfällen neigende Walter, den Christoph Waltz wie eine Karikatur ausweidet, und die hübsche, eher schüchterne Blondine Margaret, die Amy Adams mit stummer Hilflosigkeit ausstattet; eine Frau, die ihr Talent als Künstlerin nie angezweifelt hat, die es dennoch hinnahm, dass ihr Mann, ein Mann, sich um die Dinge kümmerte. In ihrer Überzeugtheit als Künstlerin erinnert sie an Burtons frühes Biopic Ed Wood, den schlechtesten, aber vielleicht auch stolzesten Filmemacher aller Zeiten. Der Filmemacher Tim Burton, selbst Kunstsammler mit einigen Keanes an der Wand, hält sich, was das Urteil in Kunstdingen anbelangt, bedeckt, verweist stattdessen sinngemäß auf Andy Warhol: »Wenn die Leute es mögen, muss es gut sein.« Er verschweigt aber auch nicht das vernichtende Kitschurteil von John Canaday, Kritikerinstanz der »New York Times«. Aber die Leute mochten auf Anhieb diese verlorenen Kinder mit den suggestiven großen Rehaugen, die bis heute das Erkennungsmerkmal der Künstlerin geblieben sind.

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Die arme Margaret Keane musste nicht bis zum heutigen Tag, zur Verfilmung ihrer außergewöhnlichen Lebensgeschichte durch Tim Burton auf ihre Rehabilitierung warten. Sie strengte bereits vor dreißig Jahren eine Verleumdungsklage gegen ihren Exmann Walter Keane an, um sich die Wahrheit über ihre Bilder vor Gericht bestätigen zu lassen. Zu einem echten Schuldeingeständnis war der notorische Lügner nicht fähig. Nur die Probe aufs Exempel konnte – vor aller Augen – den Lügner und Blender entlarven.

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