Kritik zu Beziehungsweise New York

© Studiocanal

2013
Original-Titel: 
Casse-tête chinois
Filmstart in Deutschland: 
01.05.2014
Musik: 
L: 
117 Min
FSK: 
6

Die Erasmus-Studenten aus Barcelona für ein Jahr steuern auf die 40 zu. Cédric Klapisch lässt sie Bilanz ziehen. Er hat keine Angst, die großen Fragen nach dem Sinn des Lebens zu stellen, und noch weniger, diese leichtfüßig zu beantworten

Bewertung: 4
Leserbewertung
2.5
2.5 (Stimmen: 4)

Der Besuch kündigt sich überraschend an, aber Xavier knüpft große Hoffnungen an ihn. Und dann ist die Wiederbegegnung mit seinem Vater ganz schnell vorüber; ein kurzer Spaziergang nur durch Manhattan. Er hatte so viele Fragen an ihn! Nicht einmal die Straßenkreuzung finden sie wieder, an der Xaviers Eltern einst als Jungverliebte ihre Initialen in den Asphalt ritzten.

Xavier (Romain Duris) hoffte wider besseres Wissen, zu ihm durchdringen zu können. Aber sein Vater (Benoît Jacquot) zeigt noch immer kein Interesse am Leben des Sohnes. Der einzige Rat, den er ihm zum Abschied gibt, besteht darin, sich aus komplizierten Situationen herauszuhalten. Jacquot verleiht der Figur des Vaters nicht den geringsten Hauch von milderndem Schuldgefühl. Romain Duris hingegen besteht darauf, dass Xaviers Sehnsucht alles Recht der Welt auf ihrer Seite hat. Die neuerliche Zurücksetzung verletzt ihn tief. Aber New York weiß Rat, Xavier findet unversehens die richtige Kreuzung: Der Vater hat sich nicht in der Straße, wohl aber in der Avenue geirrt. Der Sohn verneigt sich vor dem Pflasterstein, in dem sich seine Eltern verewigt haben: Es hat einen Sinn, dass er geboren wurde, denn damals haben sie sich geliebt.

Die wundersame Topographie New Yorks spielt, nicht nur als Metapher, eine zentrale Rolle in Cédric Klapischs Film. Eigentlich dürfte man sich dort nicht verirren, so klar ist das Raster der Straßen. Es gibt dem Durcheinander des Großstadtlebens eine mathematische Struktur. Es hilft, die richtige Entscheidung zu treffen. Kurz gesagt: Es besitzt jene Ordnung, die Xaviers Leben fehlt. Nach New York hat ihn ein ganzes Wirrsal von Gründen geführt, an dem ein Großteil der Erasmus-Studenten beteiligt ist, die wir erstmals in Barcelona für ein Jahr kennenlernten und deren Bekanntschaft wir in Wiedersehen in St. Petersburg auffrischen konnten. Rund zehn Jahre sind seither vergangen. Xavier ist mit Wendy (Kelly Reilly) verheiratet. Sie haben zwei prächtige Kinder. Wendy will sich von ihm trennen, nachdem sie einen reichen New Yorker kennengelernt hat. Zudem ist sie entrüstet, dass Xavier als Samenspender für seine lesbische Freundin Isabelle (Cécile de France) fungiert, die ihrerseits in der Stadt ein neues Liebesglück gefunden hat. Da Xavier bei seinen Kindern leben will – er ist ein liebevoller, anwesender Vater –, lässt er Paris hinter sich. Aufgrund bürokratischer Verwicklungen muss er in den USA eine Scheinehe eingehen. Schließlich kommt auch noch seine Exfreundin Martine (Audrey Tautou) mit ihren Kindern nach New York.

Das untragische Durcheinander dient als Erzählprinzip des sprunghaften, bisweilen zerstreuten Films. Munter blendet er in seiner ersten Hälfte zwischen den Zeitebenen hin und her. Gern begibt er sich ins Schlepptau des Ablenkungsterrors moderner Kommunikationsmedien. Xaviers Lebenstempo ist atemloser geworden: Während es in Petersburg darum ging, Straßen zu überqueren, um Teil der Gemeinschaft (und eines Liebespaars) zu bleiben, rennt er in New York ständig seinem Leben hinterher. Dabei müsste er eigentlich innehalten können, denn aus diesem kniffligen Puzzle soll ein Roman werden, auf den sein Verleger ungeduldig wartet.

Nichts darf sich in diesem Film sein Geheimnis bewahren, alles wird in Xaviers ausschweifendem Off-Kommentar erklärt und reflektiert. Die Sinnfragen, die sein Vater gewiss nicht beantwortet hätte, werden diesem unerbittlichen Voice-over anvertraut. Allerdings ist diese suchende Rede nicht prätentiös, sondern auf charmante Kurzweil gestimmt. Die Zwiesprache, die Xavier bisweilen mit deutschen Philosophen hält, ist eine putzige Idee. Wie seine Weggefährtinnen ist er damit beschäftigt, bald 40 zu werden: Wird er sich je auflösen, der Widerspruch zwischen vorläufigen und endgültigen Gefühlen? Zum Schluss bringt Klapisch Vergangenheit und Gegenwart seines Protagonisten eine Spur zu selbstzufrieden in Einklang. Aber das muss nicht das Ende sein. Vielleicht träumt er ja schon, Xavier in seinem Roman, von den Geistern der Zukunft.

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