Kritik zu Auf der Suche nach Oum Kulthum

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2017
Original-Titel: 
Looking for Oum Kulthum
Filmstart in Deutschland: 
07.06.2018
V: 
L: 
90 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Shirin Neshat wollte lange Jahre ein Biopic über die legendäre ägyptische ­Sängerin Oum Kulthum drehen, daraus wurde nun ein Film über eine Regisseurin, die ein Oum-Kulthum-Biopic drehen will

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Eine Demonstration für Frauenrechte in den Straßen einer arabischen Stadt in malerischem Schwarz-Weiß. Als eine der Frauen beginnt, sich den Gesichtsschleier abzureißen, fallen Schüsse, und die berittene Polizei setzt zum Angriff auf die protestierenden Frauen an. Dann wechselt das Filmbild zur Farbe, und wir finden uns auf einem Set wieder, wo eine Regisseurin eine sich aus ihrem historischen Kostüm schälende junge Schauspielerin beglückwünscht.

Ghada, eine junge Lehrerin, wurde wegen ihrer Stimme von Regisseurin Mitra als Hauptdarstellerin für einen Film über die legendäre ägyptische Sängerin Oum Kulthum gecastet. Die Szenen mit den Frauenrechtlerinnen bleiben im Film allerdings unklar. Sind es Probeaufnahmen für einen anderen Film? Oder frühe, und deshalb in Schwarz-Weiß gedrehte Szenen aus dem Leben Kulthums? Sie hätten jedenfalls gepasst zu der starken und politisch bewussten Frau, deren Popularität in der arabischen Welt ohne Vergleich ist. Sie ist eine fast mythische Figur: 80 Millionen Tonträger mit ihren Liedern wurden verkauft. Dokumentarische Szenen von ihrer Beerdigung 1975 in Kairo, wo vier Millionen Menschen auf der Straße gewesen sein sollen, sieht man in diesem Film ebenso wie eine nachgespielte (aber historisch verbürgte) Szene, in der sie Präsident Nasser die vierte Pyramide Ägyptens nennt.

Lange Jahre wollte die US-iranische Künstlerin Shirin Neshat einen Film über Oum Kulthum machen. Irgendwann musste sie sich aus mehreren Gründen das Scheitern dieses Vorhabens eingestehen. Und sie entschied sich, statt des geplanten historischen Biopics einen Film über eine iranische Regisseurin zu machen, die daran scheitert, ein Biopic über Oum Kulthum zu drehen.

Regisseurin Mitra, von der deutschen Schauspielerin Neda Rahmanian (»Ostwind«) eher unterkühlt gespielt, ist also als ihr Alter Ego zu verstehen, so wie die von Yasmin Raeis virtuos hingelegte Ghada das von Oum Kulthum ist. Die szenische Verschmelzung von den klassisch historisierenden Film-im-Film-Szenen und dem Making-of drumherum sind elegant und flüssig umgesetzt. Mitras Probleme sind, wie es sich darstellt, sowohl haus- wie fremdgemacht: Ein renitenter Darsteller, ägyptisches Unverständnis darüber, dass eine Nicht-Araberin einen Film über ihr Idol macht, Macho-Allüren mancher Mitarbeiter und das Verschwinden ihres pubertären Sohns tun der Arbeit und ihrer Konzentration nicht gut. Schwerstes Handicap aber ist wohl, dass sich ihr eigener Blick auf ihre Hauptfigur während der Produktion stark verändert.

Wie vieles in diesem Film bleibt aber auch dieser Aspekt eher abstrakt. Wenn Mitra zu ihrem Produzenten sagt, sie habe erst bei der Arbeit die wirkliche Oum Kulthum verstanden, bleibt diese Behauptung deshalb ohne wirklichen Inhalt, weil wir sie als Zuschauer im Film nicht mitvollziehen können. Denn im Film verschwindet die ägyptische Sängerin zunehmend unter den Projektionen, die sich die an sich selbst und ihrem Umfeld leidende Regisseurin von ihr macht. Peinlich wird diese Identifikation, wenn am Ende der wiederauferstandene Geist von Oum Kulthum mit Mitra am Meer steht und lobende Worte über deren Charakter und Arbeit sagt. Wir müssen wohl anderswo weiter nach Oum Kulthum suchen.

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