Kritik zu 8. Wonderland

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Eine weltweit vernetzte Community schaltet sich zusammen, um die Globalisierung mit anarchischen Scherzen zu unterwandern. Die virtuelle Chatgemeinschaft mausert sich am Ende zum ersten anerkannten Staat ohne reales Territorium

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Es beginnt mit harmlosen Störmanövern. Maskierte Einbrecher montieren im Vatikan heimlich Kondomautomaten. Und eine kleine Druckerei wirbt, wunderschöner Gag, für eine »Darwin Bibel«. Die umstrittene »Entstehung der Arten« wird darin mit dem christlichen Dogma kompatibel gemacht. Als der Drucker dadurch »Probleme« bekommt, zieht er sich in sein Büro zurück und loggt sich Hilfe suchend auf eine geheimnisvolle Internetseite ein: »8. Wonderland«, so erfahren wir, ist ein globaler Online-Chatroom, in dem Teilnehmer aus der ganzen Welt sich gegenseitig helfen und ihre ach so subversive Kreativität bündeln.

Mit dieser naheliegenden Grundidee einer demokratischen, nicht kommerziellen Nutzung moderner Medientechnologie erweckt der französische Low-Budget-Film von Nicolas Alberny und Jean Mach zunächst Sympathien. Anarchischer Höhepunkt ist die Vereitlung eines geplanten Atomdeals zwischen Russland und dem Iran. Im Auftrag von »8. Wonderland« fungiert die Simultandolmetscherin hier als Kobold, der die Staatsoberhäupter dazu bringt, mit Fäusten aufeinander loszugehen. In solch vergnüglichen Momenten erscheint »8. Wonderland« wie eine Filmversion zu den Sketchen von »Monthy Python's Flying Circus«.

Weniger witzig wird es, wenn Alberny und Mach dieses Konzept auf die Entwicklung einer dramatischen Spielfilmhandlung ausdehnen. Durch ihre Erfolge übermütig und eitel geworden, stimmen die Mitglieder von »8. Wonderland« schließlich über die Liquidierung eines korrupten Diktators ab. Doch mit dem Tyrannenmord, der den Film in eine Rahmenhandlung einpasst, avanciert die immer einflussreicher werdende Net-Community zu einem internationalen Staatsfeind. Ein Trittbrettfahrer, der sich in den Medien als vermeintlicher Chef von »8. Wonderland« feiern lässt, sorgt für weitere Verwirrung.

Während die Verwertungslogik des Fernsehens mit seinen unzähligen absurden Show-Formaten punktgenau karikiert wird, ist die filmische Visualisierung der Internetkommunikation nicht überzeugend. Politisch überkorrekt findet hier eine Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern sowie zwischen Mitgliedern aus Afrika, Palästina, China und den westlichen Industriestaaten statt. Alle Teilnehmer sprechen gleichzeitig und live in die Webcam. Um eine Vorstellung von der Anzahl der Mitglieder zu vermitteln, zeigt die Kinoleinwand ihre Gesichter auf einem endlosen Band kleiner Monitore, das sich wie eine Art »Matrix« perspektivisch im Unendlichen verliert. Obwohl alle simultan zugeschaltet sind, spricht merkwürdigerweise immer nur einer. Alle anderen lassen den jeweils Redenden artig aussprechen. Dieser misslungene Kunstgriff verklärt die tatsächliche Dynamik der Online-Kommunikation zu einer Comicversion des Internets. Da der Film auch keine greifbaren Figuren entwickelt, wirkt diese Internetkopfgeburt entsprechend leblos.

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