Holpriger Start

Cannes Film Festival 2018
 »Everybody Knows« (2018). © Cannes Film Festival

Die Zeichen der Krise sind noch erkennbar, aber mit Festivalbeginn wird nun deutlich, wie Cannes in Zeiten von #Metoo und Post-Harvey-Weinstein auf seinem Status als »wichtigstes Filmfestival der Welt« bestehen will. Zwar muss der Eröffnungsfilm, Asghar Farhadis »Everybody Knows« eher als Enttäuschung verbucht werden, aber die markanten Auftritte der diesjährigen Jury-Präsidentin Cate Blanchett machten das fast im Alleingang wieder wett. Die australische Schauspielerin gibt mit selbstbewussten und eloquenten Statements nicht nur ein gutes Aushängeschild ab gegen den ewigen Vorwurf, dass in Cannes zu selten Frauen das Sagen hätten, sie erweist sich auch als glänzende Verteidigerin des Kinos als Kunstform. »Die ist nicht der Friedensnobelpreis, sondern die Goldene Palme«, war eine ihrer Antworten auf die Frage, ob die Jury die politisch aufgeladene Situation einiger Filme und ihrer Regisseure berücksichtigen werde. Nicht ohne vorher ihrer Sympathie für den Russen Kirill Serebrennikov und den Iraner Jafar Panahi ausgedrückt zu haben, die von ihren jeweiligen Heimatländern daran gehindert werden, zur Premiere ihrer Filme in Cannes teilzunehmen.

Der Eröffnungsfilm »Everybody Knows«, von Panahis Landsmann Asghar Farhadi, bot mit seinen Stars Javier Bardem und Penelope Cruz als Traumpaar des spanischen Films leider in erster Linie gutes Futter für die Fotographen am Roten Teppich. Der Regisseur, der mit »Nader und Simin - Eine Trennung« 2011 den Goldenen Bären in Berlin gewonnen hat, versucht in »Everybody Knows« sein Talent für gut erzählte Gesellschaftsporträts nach Spanien zu übertragen. Cruz spielt die verlorene Jugendliebe von Bardem, die mit ihren Kindern für eine Hochzeit aus Argentinien zurück in ihr Heimatdorf kommt. Während der Feier verschwindet ein Kind und in den anschließenden Tagen der Suche kommt so manches verdrängte Familiengeheimnis ans Licht. Man folgt den Protagonisten mit Sympathie, kann aber nie ganz den Eindruck abschütteln, dass die Handlung überkonstruiert und die Inszenierung mit viel Sonne und Dorfszenen eine Spur zu folkloristisch geraten ist.

Auf größere Begeisterung stießen die nächsten Filme im Wettbewerb, die zugleich andeuten, dass es in diesem Jahr die »Newcomer« sein könnten, die den Ausschlag ins Positive geben. Einer von ihnen ist der Ägypter A.B. Shawky, der mit »Yomeddine« den Ausnahmefall eines Regiedebütanten im sonst mit bekannten Namen gespickten Wettbewerb darstellt. Shawky erzählt in seinem Film von einem schwer von Lepra gezeichneten Mann, der nach dem Tod seiner Frau die schützende Obhut seiner Leprakolonie verlässt, um die eigene Familie, die ihn dort als Kind abgegeben hat, wiederzufinden. Begleitet wird er dabei von einem Waisenjungen, den alle wegen seiner Ähnlichkeit zu »jenem Typ im Fernsehen« Obama nennen. Ihre Reise wird zum turbulenten Abenteuer, bei dem sich Tiefschläge und Gefahren mit der Erfahrung von Güte durch Fremde abwechselt. Die Erzählung selbst bleibt allzu harmlos, was Shawky aber durch seine Darsteller ausgleicht. Neben seinem vernarbten Haupthelden verkörpert hier eine Reihe von Ausgegrenzten, sei es durch Behinderung oder Verunstaltung, eckige Charaktere mit oft schrägem Sinn für Humor. Und das Publikum honorierte ihren Auftritt mit einer langanhaltenden Ovation.

Alles andere als harmlos möchte Sergej Loznitsa daherkommen, der mit seinem Film »Donbass« die Nebenreihe Certain regard eröffnete. Der in Deutschland lebende ukrainische Regisseur inszeniert in »Donbass« einen Reigen von Momentaufnahmen aus den selbstdeklarierten »Volksrepubliken« Donetsk und Lugansk, die sich aus der Ukraine lösen wollen. Einschüchternde, willkürliche Grenzkontrollen, unfähige Journalisten, haltlose Geschäftsmänner und bewaffnete Milizen, die oft von einem aufgehetzten Mob zur Gewalt gegen »Fremde« und »Faschisten« angestiftet werden – Loznitsa zeigt das alles mit erschreckender Kälte. Auch wenn der Mangel an Empathie das Verständnis der Vorgänge nicht leichter macht, fasziniert an »Donbass« sowohl die Konsequenz der Haltung wie der Stilwille.

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