Wer hat das geschrieben?

Die Wettbewerbsfilme »Transit«, »Eva« und »Dovlatov«
»Dovlatov« (2018). © SAGa Films

Die allermeisten Filme beruhen auf einer literarischen Vorlage. Das Originaldrehbuch ist tatsächlich eher die Ausnahme. Hier in Berlin hat es ein wenig den Anschein, als wollten sich die Filmemacher dafür bedanken, indem sie Autoren zu ihren Helden machen, Autoren in Zwangslagen. Allen voran Christian Petzold mit seinem Film »Transit«. Er hat den Roman von Anna Seghers aus der Zeit des zweiten Weltkriegs optisch in die Gegenwart transportiert, die Geschichte allerdings so belassen, wie Seghers sie geschrieben hat. Das mag wie ein Bruch anmuten, eröffnet dem Film allerdings eine weitere Wirkmöglichkeit. Wenn im Marseille von heute über Nazibesatzung und Flucht geredet wird, dann wird einmal mehr deutlich, dass die Situation der Flüchtlinge heute, sich gar nicht so signifikant von damals unterscheidet. Der Held der Geschichte aber schlüpft in die Rolle einer Schriftstellers, der sich aus Angst vor Verhaftung und Flucht das Leben genommen hat. Er profitiert indirekt von dessen Ruhm, indem er ein Visum, das nicht ihm gilt, für die Flucht benutzen will.

Rein merkantil dagegen sind die Gründe des Pflegers eines berühmten Schriftstellers in Benoit Jacquots »Eva«. Als der Autor überraschend in der Badewanne stirbt, nimmt der Pfleger, der auch als Stricher arbeitet, das soeben fertig gestellte Manuskript und veröffentlicht es unter seinen Namen. Ohne zu ahnen, dass man mehr von ihm erwarten wird. In beiden Filmen wird die Aussicht, eine berühmter Schriftsteller zu sein, fatal enttäuscht. In »Transit« muß der unter falschem Namen Reisende sich irgendwann offenbaren, oder die Flucht abbrechen, in »Eva« muß sich die gefälschte Autorenidentität lediglich selbst unter Beweis stellen. Beide werden nie wieder etwas veröffentlichen.

Darin treffen sie sich mit dem dritten Autor, dem bei der Berlinale eine gewissen Ehre zuteil wird, Hauptfigur in einem Film zu sein. Der russische Dichter Sergeij Dvlatov in, dem gleichnamigen Film von Alexey German Jr., muß sich als Journalist über Wasser halten, denn seine ästhetischen »unsozialistischen« Texte sind in der Sowjetunion der 70er Jahre nicht opportun. Und da er nicht im Schriftsteller-Verband ist, druckt ihn ohnehin niemand. Selbst seine Reportagen sind zu sehr einer poetischen Wahrheit verpflichtet, Dovlatov weigert sich das Loblied der Partei, der volkseigenen Betriebe oder gesellschaftlicher Helden zu singen. Schließlich tut er es seinem Freund Joseph Brodski nach und wandert nach Amerika aus. Eine Rückkehr wird ihm nicht mehr erlaubt werden. In filmpoetischen Schleifen schildert German den lähmenden Stillstand der 70er Jahre, die zwischen Alkohol und Unmengen von Zigaretten dahinwehen, ohne das wirklich etwas passiert. Im Inneren jedoch, in den verrauchten Wohnzimmern, treffen sich die Künstler, diskutieren und schaffen eine intime Gegenkultur. Dass diese dem Druck der Politik schließlich erliegt, macht sie nicht weniger intensiv. Hier entsteht ein intellektueller Lebensraum in dem umfassenden Trotzdem.

»Transit« funktioniert in seiner offenen Deutung, sein Ton ist durchweg literarisch und findet sich sowohl im Off-Text als auch im gegenwärtigen Bild. »Eva« banalisiert die Problematik eher, findet eine halbherzige Lösung indem der Autor sich Geschichten einer Prostituierten kauft, und »Dovlatov« taucht in die Zeit ein und stellt überzeugend einen Autor vor, der hierzulande recht unbekannt geblieben ist. 

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