Retrospektive: »Ludwig der Zweite, König von Bayern« (1930)

»Ludwig der Zweite, König von Bayern« (1930). Quelle: Filmmuseum München

Die Retro bietet viele gute und einige sehr gute Filme – »Ludwig der Zweite, König von Bayern« aber erweist sich als Ausreißer nach unten. Wilhelm Dieterles Biopic – Untertitel: »Schicksal eines unglücklichen Menschen« – muss schon bei seiner Premiere altmodisch gewirkt haben: Die fand im März 1930 statt, in einer Zeit, als sich der Tonfilm schon weitgehend durchgesetzt hat. »Ludwig der Zweite« ist nun freilich nicht nur ein Stummfilm, sondern auch einer, der in seinem Mitteln, nun, sagen wir: konservativ ist. Es gibt eine »Richard Wagner«-Biographie von 1913 – und die Filmsprache scheint sich zwischenzeitlich nicht sehr verändert zu haben...

Dieterle schildert Ludwigs Leben anekdotisch episodenhaft, die Szenen sind alle auf je einen Aspekt des Lebens und des Charakters des Königs hin zugerichtet, verbunden durch Übergänge – notfalls Überblendungen –, nicht aber durch einen engeren Zusammenhang. Die Szenen sind dabei bühnenhaft arrangiert, eine Öffnung des Filmraums über den Kameraausschnitt hinaus erfolgt nicht. Getragen und langsam schreitet die Handlung dahin, elegisch ist die Darstellung der Figuren, die wenig subtil das Innere nach Außen trägt, gegebenenfalls durch langsames Augenschließen bei innerer Qual.

Von Gerüchten und Vermutungen will der Film Abstand nehmen, das wird im Vorspann deutlich gesagt. Jede Zeit sehe seine Geschichte neu. Und heute wisse man ja, was einen Menschen ausmacht: Erbanlage, Erziehung und Zeiteinflüsse. Dezidiertes Ziel also ist so etwas wie eine Revision der Sicht auf den Märchenkönig – die sich dann dazu entwickelt, dass der Hof in Gestalt der Minister und des Landtags gegen Ludwig intrigieren, der wiederum mit den feinen Herren in München nichts anzufangen weiß und auch nichts anfangen will. Das scheint der Grund für die Geldnot zu sein, an der sich denn auch der Anlass für die Entmündigung des Königs entzündet... Das Volk aber weiß: »Wenn den Oberen einer nicht passt, muss er weg. Wenn uns einer nicht passt, bleibt er erst recht!« Und: »Die gehen ja mit dem König um wie mit einem von uns!« – Entgegnung: »Weil er arm ist! Und mit Armen geht man brutal und rücksichtslos um.« Jawohl: Ludwig wird als verrückter gezeigt. Seine Minister aber als bösartige Machtpolitiker. »Wenn man alle verrückten Könige absetzt, bleibt bald keiner übrig!«

Die Absetzung wird wie ein Putsch dargestellt, gegen den Willen des Volkes und der königstreuen Polizei. Was Dieterle aber nicht nutzt als Plädoyer für die Republik, sondern als Plädoyer für ein volksnahes Königtum; er sollte halt möglichst nicht wahnsinnig sein. Das Irre an Ludwig, nein, es wird nicht ausgespart. Aber irgendwie heruntergespielt.

Eher zwischen den Zeilen wird Ludwig so charakterisiert: egomanisch,impulsiv, launenhaft, größenwahnsinnig, mit Anti-Establishment-Haltung, paranoid – wenn es auch von Dieterle nicht beabsichtigt war: Das ist ungefähr das gleiche Krankheitsbild wie bei Donald Trump. Nach Ludwigs Absetzung – und seinem Selbstmord, jawohl: Selbstmord! – begann die Regentschaft durch Prinz Luitpold: Das war die »gute alte Zeit«, die das »Königlich bayrische Amtsgericht« beschwört. So birgt also auch dieser Film Hoffnung, für Amerika und die Welt.

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