Zahlen- und Farbspiele

Tonie Marshall, Alain Delon et Georges Cravenne à la cérémonie des Césars. Foto: Georges Biard (2000)

Aus gegebenem Anlass möchte ich eine Äußerung in meinem Eintrag vom 24.2. (»Terror des Buchstäblichen«) relativieren. Dort bezeichne ich Quoten als eine »sehr deutsche, sehr bürokratische Strategie«. In diesem Punkt liege ich nicht ganz richtig. Sie sind ebenfalls ein sehr europäischer Impuls.  

Der Satz war als eine sacht polemische Spitze gemeint, aber auch unsachliche Angriffe sollten doch möglichst durch die Wirklichkeit gestützt werden. Dieser hält der Überprüfung nicht stand. Im Vorfeld der diesjährigen César-Verleihung veröffentlichte die Tageszeitung »Le Monde« ein Manifest, das von einem Kollektiv von hundert Filmkünstlern, darunter Juliette Binoche, Charles Berling, Agnès Jaoui und Coline Serreau, unterzeichnet war. Sie sprechen sich für die Einrichtung einer Quote als einer unumgänglichen Etappe im Kampf gegen Ungleichheit im Filmgeschäft ein. Ihr Befund ist niederschmetternd. Nur rund ein Viertel der von der staatlichen Filmförderung CNC subventionierten Projekte stamme von Regisseurinnen (die Angaben schwanken hier etwas, mal ist von 21 % die Rede, dann wieder von 28%), bislang habe nur eine Frau eine Goldene Palme in Cannes gewonnen (Jane Campion, die sich den Preis zu allem Überfluss auch noch mit Chen Kaige teilen musste) und die Cinémathèque francaise habe noch keiner Frau eine Ausstellung gewidmet (da wäre Agnes Varda ein zwar naheliegender, aber doch prächtiger Vorschlag, finde ich), die letzte Regisseurin, die einen César für den besten Film erhielt, war Tonie Marshall (für »Bezaubernde Venus«; ich fürchte, sie ist bisher sogar die einzige, der diese Ehre zuteil wurde); ferner gebe es bei Gagen ein unerträgliches Ungleichgewicht (das im Schnitt 42% beträgt).

Kulturministerin Francoise Nyssen hat die Forderung nach einer Quote schon Anfang Februar entschieden erhoben. Ihre Vorgängerin Aurelie Filipetti unterzeichnete bereits 2013 zusammen mit der damaligen Leiterin des CNC und anderen Funktionärinnen eine »Gleichheitscharta«, die aber bislang keine Früchte trug. In den letzten Tagen hat sich ein Think Tank mit dem Namen »2020 50/50« gegründet, der in den nächsten zwei Jahren an einer entsprechenden Parität mitwirken will. Das scheint nicht zuletzt deshalb geboten, weil etwa 60% der Abgänger der Pariser Filmschule Femis weiblich sind.

Ähnliche Bestrebungen gibt es bereits in Kanada, Irland und Schweden. Deren jeweiliges Ziel ist es, in den nächsten drei Jahren eine Förderquote von 50% für Projekte zu erreichen, die von Regisseurinnen initiiert oder deren kreative Schlüsselpositionen von Frauen bekleidet werden. In Spanien wiederum gibt es ein Punktesystem, von dem Regisseurinnen profitieren sollen. Die französische Initiative kann mit den Erfolgen argumentieren, die man vor allem in Schweden bislang verzeichnen kann. Dort stieg die Zahl der Regisseurinnen zwischen 2012 und 2016 von 16 auf immerhin 38%.

Die gestrige César-Verleihung verstand sich auch als Plattform einer kulturellen und sozialen Wende im Filmgeschäft. Sie hatte ein Symbol für den Kampf gegen Sexismus und sexuelle Gewalt gefunden: eine weiße Schleife, die dem Vorbild der roten AIDS-Schleife nachempfunden ist. Endlich mal ein erfreuliches Plagiat. Die Schleife gab es wenige Tage vor der Preisverleihung noch gar nicht (die Idee stammte von Tonie Marshall), die französische Filmakademie ließ blitzschnell 2000 Exemplare herstellen, damit dieses diskrete Symbol das Antlitz der Veranstaltung prägen konnte. Wie es ausschaut, war die Quote der Schleifenträger sehr hoch. Auch sonst wurden gestern in der Salle Pleyel schöne Zeichen gesetzt: »120 BPM« von Robin Campillo avancierte mit sechs Preisen zum Gewinner des Abends. Zu ihm hätten natürlich auch rote Schleifen gepasst. Aber sie stehen für den Aufbruch einer anderen Epoche.

 

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