Wiederholungsopfer

Jessica Chastain in »The Death and Life of John F. Donovan« (2018)

Es gibt Regisseure, die entdecken ihre Filme erst im Schneideraum. Für sie sind Buch und Dreharbeiten notwendige Vorstufen ihrer eigentlichen Kreativität. Martin Scorsese gehört dazu, der mit der treuen Thelma Schoonmaker mehr Zeit im Schneideraum verbringt als mit Team und Schauspielern am Set. Sein neuer Film »The Irishman« ist offenbar schon abgedreht (nur die Hauptdarsteller müssen angeblich noch digital verjüngt werden), aber dass er in diesem Jahr noch herauskommt, ist in diesen Februartagen höchst fraglich.

Diese Arbeitsweise braucht natürlich verständnisvolle Produzenten, die sich offenen Auges auf sie einlassen und nicht kleinlich sind beim Aufstellen von Drehplänen. Wer weiß, was Scorsese so alles dreht, das dann nie im fertigen Film auftaucht? Welche Handlungsstränge und Charaktere mögen wohl auf der Strecke bleiben? Manchmal taucht verworfenes Material als Bonusmaterial wieder auf. Schaut man sich etwa DVD-Ausgaben einiger Filme von Jacques Audiard an, der als gelernter Drehbuchautor vielleicht doch präzisere Vorstellungen von einem Projekt haben und entsprechend haushalten könnte mit seinen Ideen, staunt man, was er am Ende alles überflüssig fand. Bei »Sur mes lèvres« (Tödliche Bekenntnisse) gab es ursprünglich einen ziemlich dramatischen Nebenplot um den kriminellen Bewährungshelfer von Vincent Cassel, den Olivier Gourmet spielt. Davon sind in dem sehr bündig erzählten Film nur noch Bruchstücke übrig. Auch Terrence Malick gehört dem Club der Regisseure an, deren Arbeiten beim Schnitt eine ganz andere Gestalt annehmen. Nun zählt Xavier Dolan ebenfalls dazu.

In der letzten Woche wurde bekannt, dass er aus seinem ersten englischsprachigen Film »The death and life of John F. Donovan« die Rolle von Jessica Chastain komplett herausgestrichen hat. Sie war sogar schon auf Plakatmotiven zu sehen. Für die Schauspielerin muss das bitter sein, sie hat allerdings nicht gekränkt oder beleidigt darauf reagiert, sondern sich als ein good sport gezeigt. Die Kürzung hatte nichts damit zu tun, dass sie schlecht gewesen wäre, betont der Regisseur; mit ihrem Handlungsstrang wäre der Film jedoch geschlagene vier Stunden lang geworden. Das Tischtuch ist zwischen ihnen nicht zerrissen, aber solche Entschuldigungen klingen zuweilen eben doch wie die Beschwichtigung von Folterern, die ihren Opfern gern versichern, ihnen würde es genau so wehtun.

Jessica Chastain passiert das übrigens nicht zum ersten Mal. Bei Malicks »To the Wonder« landete ihr Part ebenso auf dem Boden des Schneideraums wie der von Rachel Weisz, Amanda Peet, Barry Pepper und Michael Sheen. Niemand weiß, was für Figuren sie spielten. Das bleibt bei Malick meist ein Geheimnis. Seit seinem Comeback mit »Der Schmale Grat« ist er gefürchtet dafür, selbst zugkräftige Stars am Ende herauszuschneiden. Dennoch scheint er keine Schwierigkeiten zu haben, großmütige Schauspieler zu finden, die sich auf das Risiko einlassen, unsichtbar zu werden. Aber ich weiß von keinem, der es zweimal eingegangen ist.

Nicht alle Schauspieler nehmen die Erkenntnis ihrer eigenen Entbehrlichkeit so gelassen hin wie Chastain. Christopher Lee schäumte vor Wut, als er erfuhr, dass er in der Kinofassung von »Herr der Ringe – Die Rückkehr des Königs« nicht mehr aufttritt. Andererseits hat es der Freundschaft zwischen Lawrence Kasdan und Kevin Costner anscheinend nicht geschadet, dass Letzterer in »Der große Frust« nur als nicht zu identifizierender Leichnam in Erscheinung tritt. Im Netz finden sich zahlreiche Listen über Darsteller, deren Beitrag ausradiert wurde. Es kann die Besten treffen, wie Paula Beer in "Diplomatie" oder Maggie Cheung, die eine Pariser Kinobesitzerin in »Inglourious Basterds« spielt (ich glaube, bei der Premiere in Cannes war sie noch zu sehen, aber der Film kam vielen Festivalgästen zu lang vor und wurde danach 20 Minuten kürzer.) Einige der kuriosesten und traurigsten Beispiele fehlen auf diesen Listen meist.

Stellen Sie sich nur einmal vor, wie sich Aurore Clément gefühlt haben muss, als sie 1979 zur Galavorführung von »Apocalypse Now« eingeladen wurde und dann entdecken musste, dass sie in Coppolas Film gar nicht zu sehen ist! Die gesamte Sequenz auf der französischen Plantage fiel weg, was auch ihren Kollegen Christian Marquand geschmerzt haben wird. Bei den Dreharbeiten lernte sie zwar ihren Ehemann kennen, den großartigen Szenenbildner Dean Tavoularis. Aber wird sie das über die verpasste Chance einer internationalen Karriere völlig hinweggetröstet haben? In der "Redux"-Version kann man sie bewundern, aber die kam ein paar Jahrzehnte zu spät. In einem anderen Dschungelfilm ging Mick Jagger verschütt, in Werner Herzogs »Fitzcarraldo«, dessen chaotische Dreharbeiten er – wenn man Herzogs Drehtagebuch glauben will – als ein hingebungsvoller Teamplayer ohne jegliche Allüren er durchstand.

In der ersten Schnittfassung von Sam Fullers »The Big Red One« fehlt ein Schauspieler, der indes so unbekannt ist, dass mir sein Name partout nicht einfallen will. Er gehört zur Einheit von Lee Marvin und dies blieb sein einziger Filmauftritt. Angeblich konnte er nicht mal seine Frau überzeugen, dass er wirklich mitspielt. Immerhin jedoch verschaffte ihm dieses Engagement den Zutritt zur Schauspielergewerkschaft und er hatte Anspruch auf deren Altersversicherung. Seine Leinwandkarriere blieb ein Gerücht, bis Jahrzehnte später die Langfassung von Fullers Weltkriegsepos herauskam.

Im klassischen Studiosystem waren solche Fälle die Ausnahme. Die Studiobosse wollten auf der Leinwand sehen, wofür sie bezahlten. Auf Anhieb fällt mir nur ein Gegenbeispiel ein, dass seit Jahrzehnten meine Phantasie beschäftigt. In »Rio Bravo« sollte es eigentlich eine Szene geben, in der John Wayne die Postkutsche untersucht, deren Weiterfahrt vom schurkischen Burdette-Clan sabotiert wurde. Den Kutscher und seinen Begleiter spielen Malcolm Atterbury und Harry Carey jr., deren Namen auch im Vorspann genannt werden. Im Roman, den Leigh Brackett nach dem Drehbuch schrieb, kann man die Szene nachlesen. Ein Freund behauptet steif und fest, er habe sie einmal bei einer Vorführung von Howard Hawks' Film in London gesehen. Ich würde ihm gern glauben.

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