Stellungskrieg

Aus der Ferne erschien mir Cannes in diesem Jahr zunächst wie eine Wagenburg. Das ging im Vorfeld auch etlichen Kollegen so, die im Gegensatz zu mir regelmäßig dort sind. Nun ist die Zeit der Spekulationen vorüber, jetzt muss sich der Jahrgang beweisen. Auch das ist, aus der Warte des in Berlin Gebliebenen betrachtet, spannend.

Wenn man die Filme nicht kennt, die dort laufen, darf der Blick platonisch bleiben. Man neigt zur Synthese, sucht die großen Linien, die sich in den Reaktionen der Kritiker zu manifestieren scheinen. Man darf das Festival weiterhin schlicht als ein Gebilde betrachten, das Positionen vertritt. Natürlich ist es kein Privileg, einen Eindruck zu schildern, der ohne das Ansehen des tatsächlichen Programms auskommt. Aber es hat den Vorzug, Vermutungen anstellen zu dürfen, die nicht belastbar sein müssen. Ich zum Beispiel nehme mir das Recht heraus, den Auftritt des Festivals als Statement zu begutachten. Ein Aspekt meiner professionellen Deformation ist schließlich die Suche nach einer individuellen Handschrift, dem persönlichen Ausdruck eines Urhebers. Das würde Thierry Frémaus' Eitelkeit, an deren Existenz ich nach einigen flüchtigen Begegnungen keinen Zweifel hege, gewiss schmeicheln. Allerdings habe ich dabei stets ein Diktum seines Vorgängers Gilles Jacob im Hinterkopf, der mir vor vier Wochen bei einem Interview erklärte, der Direktor des Festivals von Cannes habe entschieden zu viel Macht. Seine Ansicht, dieser müsse sich als Botschafter und nicht als Staatsoberhaupt des internationalen Autorenfilms begreifen, war gewiss auch als eine Spitze gegen seinen Ziehsohn und Nachfolger gemeint.

Trotz, oder vielleicht sogar gerade wegen der Probleme, die es in diesem Jahr bei der Filmauswahl gab (siehe „Außer Konkurrenz“ vom 14.4.), konnte Cannes sich erst einmal glänzend als Schutzmacht positionieren. Das Festival verteidigt die Filmkunst gegen die frivole Banalisierung seiner Rituale (das Selfie-Verbot auf dem Roten Teppich), gegen auftrumpfende Streaminganbieter (Netflix), repressive Regimes (Iran, Russland), widerborstige Produzenten (Paulo Branco konnte die Vorführung von Terry Gilliams Don-Quichotte-Film am Ende doch nicht verhindern), gegen den Zwang zur Anwesenheit (Godard), unberechenbare Regisseure (Lars von Trier läuft außer Konkurrenz) und die Festivalleitung selbst (wobei fraglich ist, ob der staunenswerte Publicitycoup, sich als eminent frauenbewegte Veranstaltung zu präsentieren, ohne die Regisseurinnenquote erhöht zu haben, als Geste echter Reue durchgeht). Zu den üblen Mächten, vor denen das Autorenkino behütet werden muss, zählt neuerdings auch die Kritik, deren vorschnelles Urteil das Vergnügen an Gala-Vorführungen nun nicht mehr schmälern kann.

Allerdings ist die Verlegung der Pressevorführungen ein riskantes Manöver, da Cannes mehr als jedes andere A-Festival auf die Fürsprache der Presse angewiesen ist. Aber eine Kursänderung im nächsten Jahr ist nicht auszuschließen, und ich bin sicher, dass Frémaux ein Einlenken dann smart verkaufen wird. Erfreulicher finde ich demgegenüber eine andere Schutzmaßnahme, die Cannes 2018 ergriffen hat. Es dürfte das erste Festival sein, das einen Film gegen seine Restaurierung verteidigt: Christopher Nolan hat Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ in einer offenbar prächtigen 70-mm-Kopie gezeigt, die er stolz als "unrestored" bezeichnete. Aus der Ferne konnte ich diesem analogen Wunder zwar nicht beiwohnen. Aber es bestätigt mein Vorurteil, dass sich Cannes jedweder Umzingelung der Filmkunst zu erwehren weiß.

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