Ein Filmmakler

Die amerikanische Immobilienbranche ist letzthin durch das Gebaren und die Geschäftspraktiken des derzeitigen US-Präsidenten schwer in Verruf geraten. Aber man sollte die Hoffnung nicht aufgeben, dass es in diesem Gewerbe auch weiße Schafe gibt. Zu ihnen darf man Charles S. Cohen zählen. Da ich kein Wirtschaftsjournalist bin, kann mich zwar nicht dafür verbürgen, dass es bei seinen Immobiliengeschäften stets korrekt zugeht. Aber seine Nebentätigkeit, dessen kann ich Sie versichern, übt er ohne Fehl und Tadel aus.

In den 1980er Jahren übernahmen er und seine zwei Brüder die Cohen Brothers Realty Corporation, die ihr Vater drei Jahrzehnte zuvor gegründet hatte. Dank des geballten brüderlichen Geschäftssinnes prosperierte das Unternehmen enorm; 2016 wurde sein Wert mit rund 65 Milliarden Dollar taxiert. Charles' eigenes Vermögen wird von »Forbes« derzeit mit 3,4 Milliarden Dollar beziffert, was erklecklich höher sein dürfte als das des Prahlhans im Weißen Haus, der notorisch ungern Steuerklärungen abgibt. Er weiß mit seinem Vermögen kluge Dinge anzufangen. Nicht nur hat er sich als klassischer Mäzen profiliert. Er ist seit 2008 auch zu einem einem bedeutenden Player im Filmgeschäft avanciert; zuerst als Verleiher. Von den 60 französischen Filmen, die 2012 in den USA herauskamen, brachte er 12 heraus, darunter »Lebewohl, meine Königin«, den er pünktlich zum Jahrestag des Sturms auf die Bastille startete. Inzwischen fungiert seine Cohen Media Group verstärkt auch als Co-Produzent von Autorenfilmen aus Europa und eigentlich aller Welt. Sie ist beispielsweise an »Der Affront« von Ziad Doueri beteiligt, der in dieser Woche startet und als libanesischer Kandidat ins Rennen um den Auslandsoscar geht. (Jens Balkenborg hat einnehmend über ihn geschrieben.) In den letzten Jahren wurden zahlreiche seiner Co-Produktionen für Oscars nominiert, darunter »Mustang«, »The Salesman« und »Augenblicke – Gesichter einer Reise«; Asghar Farhadis Film gewann den Auslandsoscar.

Zum ersten Mal wurde ich auf ihn aufmerksam, als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass er das legendäre Pariser Kino »La Pagode« kaufen und renovieren will. Die Nachricht löst damals einige Unruhe in der notorisch protektionistischen Kinobranche Frankreichs aus: Das traditionsreiche, wegen seines »japanischen Saals« bewunderte Kino hatte schließlich einmal Louis Malle und seinem Bruder Vincent gehört. Aber Cohen gelang es, die Furcht vor einem kulturfernen Investor aus den USA zu zerstreuen, denn er gab sich als ein echter Cinéphiler zu erkennen, der sein vieles Geld nun nutzt, um sich einen Kindheitstraum zu erfüllen. Offenbar hat er 1985 sogar ein Buch über seine Filmbegeisterung veröffentlicht. Etwa zur selben Zeit, als ihm der »Pagode«-Deal gelang, kaufte und renovierte Cohen das »Quad«-Kino in New York, das sich zu einem der besten Repertoirehäuser der Stadt entwickelt hat.

Seither bin ich seinem Namen immer häufiger im Zusammenhang mit Restaurierungen und Wiederaufführungen begegnet. Die Cohen Media Group ist ein wichtiger Partner für Festivals, die das Filmerbe lebendig halten, »Il cinema ritrovato« in Bologna, das Festival Lumière in Lyon sowie »Toute la mémoire du Monde« in Paris. Ihr Katalog umfasst mittlerweile rund 800 Titel, davon viele Stummfilme von Keaton, Griffith und Douglas Fairbanks, die er 2011 von einer insolventen britischen Firma erwarb. Ich vermute, ein Gutteil dieses historischen Filmstocks geht auf die Sammlung zurück, die sich in den 1960ern der ruchlose Raymond Rohauer unter den Nagel riss. In Lyon präsentierte Peter Bogdanovich gerade seinen Dokumentarfilm »The Great Buster: A Celebration«, der im Auftrag der Mediengruppe entstand, welche die Rechte an sieben von Keatons Langfilmen hält. Sie hat unlängst den Katalog von Merchant-Ivory erworben, aus dem zunächst »Maurice« ausgekoppelt wurde, der digital restauriert (Cohen ist vielleicht Nostalgiker, aber auch pragmatisch) auf mehreren Festivals lief und in Großbritannien zum 30. Jubiläum des Filmstarts neu herauskam.

Auf dem Festival »Toute la mémoire du monde«, das mich an dieser Stelle im März ja ganz außerordentlich beschäftigte, führte der Chefarchivar der Cohen Media Group, Tim Lanza, in einige Filme ein. Er trat ganz unamerikanisch (wir alle haben unsere Vorurteile) auf, vielmehr sachkundig und höflich. Er wirkte nicht wie ein Verkäufer, der seine Produkte großspurig anpreist. Aber er repräsentierte stolz ein Unternehmen, das  mit Immobilien handelt, damit das Kino profitiert.

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