Diese sagenhafte Silhouette

Hubert de Givenchy mit Audrey Hepburn

Am Anfang stand ein Missverständnis, und kurz darauf folgte ein deutliches Nein. Dennoch wurde daraus eine Zusammenarbeit und Freundschaft, die vier Jahrzehnte andauerte. Und wäre Audrey Hepburn nicht schon 1993 gestorben, hätte Hubert de Givenchy gewiss noch viele weitere Roben für sie entworfen.

Als sie sich zum ersten Mal begegneten, hatte er gerade sein eigenes Modehaus in der Rue Alfred de Vigny Nr. 8 eröffnet. An diesem Tag im Jahr 1953 sagte ihm ihr Vorname nichts – »Roman Holiday« (»Ein Herz und eine Krone«) war in Frankreich noch nicht herausgekommen –, sondern er erwartete, Katherine Hepburn zu empfangen. Die hatte er in »Leoparden küsst man nicht« bewundert, war fasziniert von ihrem Charme und Chic. Mit der jungen Audrey, die er für Billy Wilders »Sabrina« einkleiden sollte, konnte er zunächst gar nichts anfangen. Sie aber ließ sich nicht entmutigen, bat ihn inständig, eines der Kleider aus seiner neuen Kollektion anzuprobieren. Das wollte er auf keinen Fall zulassen, aber wie es scheint, überrumpelte sie ihn. Ihre Anmut brach seinen Widerstand. Sogleich wurde ihm klar, wie sagenhaft sich dabei ihre Silhouette entfaltete. Er fand sie exquisit, ihre Maße erschienen ihm perfekt. Wenn sie eines seiner Kleider trug, erwachte es zum Leben: Sie versetzte es in Bewegung. Als Audrey Hepburn 1954 den Oscar für »Roman Holiday« entgegennahm, trug sie bereits eine Robe, die Hubert de Givenchy für sie entworfen hatte.

Der 1927 geborene Modeschöpfer – sein Geburtsname ist sogar noch eindrucksvoller, kosmopolitischer: Hubert James Taffin de Givenchy – fand seine Berufung, als er im Alter von zehn Jahren den »Pavillon de l' Elégance« auf der Pariser Weltausstellung besuchte. Mit 17 nahm ihn Jacques Fath unter seine Fittiche, dann verbrachte er Lehrjahre bei Pierre Balmain, Lucien Lelong und Elsa Schiaparelli und anderen. 1953 lernte er Cristobal Balenciaga kennen, mit dem er nie arbeitete, der aber sein Mentor und wohl auch Liebhaber wurde. Er war ein aufsteigender Stern, als Wilder und Paramount Kontakt mit ihm aufnahmen. Erst einmal ging es darum, das geeignete Abendkleid für eine Tanzszene mit William Holden zu finden. Damit wurde ein fast exklusiver Pakt geschlossen. Fortan entwarf er die Kostüme für all ihre Filme, die in der Gegenwart spielten. (Mit Ausnahme von »Zwei auf gleichem Weg«, wo sie von Paco Rabanne eingekleidet wurde). Eine solch innige Verbindung zwischen einem Couturier und einem Filmstar sollte es in der Kinogeschichte nur noch ein zweites Mal geben, als Catherine Denueuve und Yves Saint Laurent entdeckten, dass sie unzertrennlich sein mussten.

Audrey war mager und wirkte verletzlich. »Mit ihr gehört der Busen der Vergangenheit an«, frohlockte Wilder nach ihrem ersten gemeinsamen Film. Die Kleider sollten ihre ungewöhnliche Statur nicht verbergen, sondern zur Geltung bringen. Am schönsten funktioniert das in den Filmen, in denen ihre Figuren eine mondäne Rolle einüben, also in »Sabrina«, »Ein süßer Fratz« und vor allem natürlich Wilders romantischem Meisterwerk »Liebe am Nachmittag«. Das Publikum wurde zum Augenzeugen eines Zaubers, der erst Anmaßung ist und dann legitime Erfüllung wird. In Givenchys Kleidern wurde Audrey Hepburn ein Star. Das schwarze Kostüm, in dem Holly Golightly frühmorgens vor den Schaufenstern von Tiffany steht und an einem Croissant knabbert, erzielte vor einem Jahrzehnt bei einer Auktion einen Rekordpreis. Nicht nur auf der Leinwand war sie seine Ikone. Oft stand sie Modell für seine Kollektionen. Auf den Fotos wirkt sie fröhlicher, glücklicher als die professionellen Modelle. Sie ist immer eine Spur lebendiger in seinen Kleidern. Obwohl Givenchy die besten verpflichtete, Suzy Parker, Ann Sainte Marie und andere.

Lauren Bacall, Elizabeth Taylor und Jean Seberg trugen Kleider von ihm, auch Jackie Kennedy beim ersten Staatsbesuch ihres Mannes in Frankreich. Sein Stil war der Alltagsrealität enthoben, er legte Wert darauf, dass die Fotografen seine Modelle in glamourösen Posen und exklusiven Ambientes fotografierten. Einer wie William Klein (siehe Eintrag »Wiederbegegnung mit einem Blick« vom 15.6. 2017) passte nicht zu seinem Universum, eher schon David Bailey und Henry Clarke. Die Zusammenarbeit mit Richard Avedon und Stanley Donen bei »Ein süßer Fratz« schließlich war eine rauschhafte Verknüpfung von Urbanität und mondänem Wagemut.

1991 widmete das Palais Galliera in Paris dem Modeschöpfer eine große Werkschau. Damals habe ich zum ersten Mal eine Mode-Ausstellung besucht, gleich zweimal. Ich kannte seine Arbeit nur aus dem Kino, nun entdeckte ich die noble Kunstfertigkeit seiner eigentlichen Disziplin. Mir gefiel die Klarheit der Linie in seinen Entwürfen, denen er mit ein paar Farbstrichen spielerisch Volumen verlieh. Sie alle sahen so aus, als hätte Audrey Hepburn sie sofort tragen können. Der Katalog war mir zu teuer, deshalb nahm ich nur eine Postkarte mit, die den Modeschöpfer und die Schauspielerin bei einem Spaziergang zeigt. (Vielleicht auf dem Pont Neuf?) Der hochgewachsenene Mann überragt sie um Haupteslänge. Aber sie passen gut zusammen. Am nächsten Tag kehrte ich zurück, um mir dann doch den Katalog zu holen. Als ich vor drei  Stunden die Nachricht von Hubert de Givenchys Tod erhielt, holte ich ihn sofort aus dem Regal. Manchmal ist es gut, sich einen Hauch von Luxus zu gönnen.

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