Außer Konkurrenz

Cannes

In aller Regel ist diese Veranstaltung selten für eine Überraschung gut. Seit Jahren gehorcht ihre Dramaturgie der Erfüllung der Erwartungen. Selbst die Enttäuschungen und Proteste scheinen schon eingeplant. In diesem Jahr jedoch schlug die Pressekonferenz des Festival von Cannes gehörig aus der Art.

Gewiss, vieles ist wie gehabt. Die notorisch niedrige Frauenquote steigt auch 2018 nicht. Die französische Präsenz ist erneut stark, die asiatische ebenso, die des deutschen Kinos wiederum marginal. Hochkarätiges Autorenkino ist angekündigt: Stéphane Brizé, Lee Chang-Dong, Asghar Farhadi, Hirokazu Kore-eda, Spike Lee, Jafar Panahi und Jia Zhang-ke. Aber sie werden mit lauter Neuankömmlingen um die Goldene Palme konkurrieren. Acht Filmemacher und Filmemacherinnen gehen erstmals beim Schaulaufen des Weltkinos an den Start, so viele wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Dafür fehlen lauter Namen, die im Vorfeld als sichere Bank gehandelt wurden. Nein, die neuen Filme von Jacques Audiard, Claire Denis, Xavier Dolan und Mike Leigh werden wohl nicht an der Croisette laufen; obwohl Festivaldirektor Thierry Frémaux sich noch die kleine Hintertür der Nachnominierung offenlässt. Zwei Programmplätze sind im Wettbewerb nach wie vor frei. Dass ihre Besetzung für einen Knalleffekt sorgt, ist nicht anzunehmen. Aber selbst, wenn nun doch noch Terrence Malick oder Lars von Trier aus dem Hut gezaubert werden sollten, wird sich der Gesamteindruck nicht wesentlich ändern. Die Erkenntnis, dass keiner ein Abonnement auf Cannes hat, ist ein heilsamer Schock.

Es hat allerdings nicht den Anschein, so viel Entdeckerfreude habe in Frémaux Absicht gelegen. Sein Streit mit Netflix hat ihm einige Coups gründlich verhagelt. Aus dem erbitterten Tauziehen ist keine Seite als Sieger hervorgegangen; die größten Verlierer könnten die Filme und ihre Regisseuren sein. Dass einige vermeintliche Favoriten nicht dabei sind, mag je eigene Gründe haben. Dolan ist anscheinend nicht rechtzeitig mit dem Schnitt von »The Death and Life of John F. Donovan« fertig geworden (siehe »Wiederholungsopfer« vom 12.2.); Terry Gilliams »Don Quichotte«-Film (siehe »Armer Teufel, lass mich deine Wunder sehen!« vom 6.6.2017) ist in einen womöglich heillosen Rechtsstreit verwickelt; Paolo Sorrentino hat sein Berlusconi-Epos als Zweiteiler angelegt und Frémaux keine Lust, einen halben Film zu zeigen. Der Fall Audiard hingegen liegt anders und könnte bezeichnend sein. »The Sisters Brothers« ist seine erste US-Produktion - und die Amerikaner ziehen seit einiger Zeit Venedig vor, das näher an ihrer Awards Season liegt.

Bislang erweckte Cannes den Eindruck, aus dem Vollen schöpfen zu können. Das mag hinter den Kulissen immer schon anders ausgesehen haben. Aber das Festival pflegte den Mythos, ganz oben in der Hierarchie des Begehrens zu stehen. In jedem Februar wurde in den Branchenblättern schadenfroh über das stolze Aufgebot spekuliert, das sich im Mai präsentieren werde. Droht Cannes nun zu neuen Berlinale zu werden? Es steht nicht zu vermuten, dass Frémaux je auf die Idee käme, er könne noch etwas von Dieter Kosslick lernen; warum auch? Aber er nutzt die Gunst des Augenblicks, um das diesjährige Festival unter das Vorzeichen eines Aufbruchs zu stellen. Man darf bezweifeln, dass er es ganz aus freiem Willen und mit dem Ziel eines nachhaltigen Generationenwechsels tut.

Im Vorfeld gab er sich schließlich betont wertkonservativ, nicht nur im Konflikt mit Netflix, auch im Selfie-Verbot, das er für die Treppe zum Festival-Palais verhängte. Seine Interviewäußerung klingen aus heutiger Sicht nicht mehr bewährt selbstzufrieden, sondern ein wenig bang und trotzig. Vielleicht war dies ein Aufbäumen im Angesicht einer Krise. Er stellte sich als Verteidiger eines tradierten Begriffs von Filmkultur (und -distribution) dar und Cannes als eine Bastion kinematographischer Würde. Spürte er insgeheim, dass seiner Festivalpolitik der Anschluss zur Gegenwart immer schwerer fällt?

Programmentscheidungen sind stets auch symbolischen Gesten, Bekenntnisse zu Gegenwart und Zukunft des Kinos. Wie ergiebig sie sind, zeigt sich immer erst nachher. Das ist das Schöne an dieser Zwischenzeit. Wie in jedem Jahr können wir im Augenblick nur nach der Papierform gehen. Die besteht nicht nur aus bekannten Größen, aber auch die unbekannten geben zunächst einmal ein Versprechen aus. Das 71. Festival könnte ein großartiger Jahrgang werden.

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